Die Ukraine und wir / Wir und die Ukraine

Hilde Schneider

Wenn ich mich umhöre im Bekanntenkreis, dann gibt es auch nach fast vier Jahren Krieg noch immer viele, die für eine konsequente militärische Unterstützung der angegriffenen Ukraine plädieren. Aber auch die Stimmen derjenigen werden lauter, die der Diplomatie den Vorzug geben und unsere Waffenlieferungen dafür verantwortlich machen, dass es immer noch keinen Frieden gibt. Wieder andere gehen mit Transparenten auf die Straße, auf denen steht “Nicht MEIN Krieg”. Ja was denn nun: kann die Ukraine mit uns rechnen oder kann sie nicht?

Auf der Suche nach einer Antwort will ich bei mir selbst anfangen und bei der Geschichte, die mich mit diesem Land verbindet. Ich habe in den siebziger Jahren Slawistik studiert, das aber immer für ein Russischstudium gehalten – Ukrainisch war an unserer Uni jedenfalls nicht im Angebot und auch andere slawische Sprachenk kamen, wenn überhaupt, nur ganz am Rande vor. Während des Studiums bin ich natürlich mehrfach in Moskau gewesen, daneben auch in Wolgograd und Petersburg, bevor ich dann zu guter Letzt auch in der Ukraine gelandet bin, genauer gesagt: in Odessa, dem legendären melting pot. Das war Mitte der 80er Jahre und, um es vorweg zu nehmen: Liebe auf den ersten Blick hat sich bei mir nicht eingestellt.

Entsprechend dem Ruf, der Odessa vorauseilte, hatte ich eine aufregende und pulsierende Hafenstadt erwartet, musste aber feststellen, das Odessa vor Allem eines war: eine sowjetische Stadt. Zudem war Winter und alles, inklusive Meer, kalt und grau, die Busse überfüllt und schwer von menschlichen Ausdünstungen, die Straßen vereist und voller Schlaglöcher und wie in allen sowjetischen Städten gab es kaum öffentliche Räume, wo man mit Einheimischen ins Gespräch kommen konnte. Die wenigen Restaurants erwachten erst abends zum Leben, dann zwar um so ungezügelter, aber nur bis gegen 23 Uhr, dann war der “Spuk” wieder zu Ende.

In Erinnerung geblieben ist mir von dieser Reise der Besuch einer Augenklinik. Weil hier zum ersten Mal weltweit Augenoperationen mit Lasertechnik durchgeführt worden waren, war die Klinik Teil des Sightseeingprogramms unserer Reisegruppe. Zu unserem großen Befremden wurden uns ausgewählte Patien*innen mit schwerwiegenden Augenkrankheiten und teilweise entstellenden Gesichtsverletzungen vorgeführt; offenbar sollten wir sie besichtigen wie eine Touristenattraktion. Auf unsere Frage, ob das für die Kranken nicht peinlich und erniedrigend sei, hieß es – oh nein, im Gegenteil! Die empfänden dieses Schaulaufen durchweg als positiv, denn schließlich würden sie angeschaut, fühlten sich also gesehen. Wir nahmen das damals zum Anlass, unsere “Besichtigung” abzubrechen.

Zum zweiten Mal bin ich im heißen Sommer 2003 in die Ukraine gereist und habe neben Odessa auch Kyiw und Lwiw besucht. Die Sowjetunion gehörte mittlerweile der Vergangenheit an und Touristenattraktionen waren für uns immerhin schon leichter als solche zu erkennen. So gab es neben den immer noch sehr sowjetisch anmutendenden Freizeitparks schon solche westlicheren Zuschnitts – mit Karaoke-Buden und Hallen voller Spielautomaten. Auch wurde der öffentliche Raum jetzt routinemäßig mit unerträglich lauter Popmusik geflutet, was auf mich wirkte wie ein Ersatz für die früher allgegenwärtigen Transparente mit sozialistischen Parolen. Vor allem der Sextourismus schien zu florieren und, wie wir schließlich im Gespräch erfuhren, tat er das auch tatsächlich und zwar als eine der wenigen gesicherten Einkommensquellen für junge Frauen auf dem ukrainischen Arbeitsmarkt. Außerdem in zweifelhafter Erinnerung geblieben ist mir ein mehrstöckiges Erlebnis- Restaurant im Hafenviertel von Odessa, unweit der durch den Film Panzerkreuzer Potemkin berühmt gewordenen Treppe. Im Decor der 30er Jahre konnte man sich dort von als Stalin kostümierten Kellnern bedienen lassen. Was – wie mir gesagt wurde – als Scherz zu verstehen sei.

Die 90er Jahre waren für die Ukraine das erste Jahrzehnt in Unabhängigkeit gewesen und das Land hatte gerade erst angefangen, sich neu zu sortieren. Das Ende der Sowjetunion hatte die ukrainische Gesellschaft (-nicht anders als die russische) ins soziale Chaos gestürzt. Beträchtliche Teile des Volksvermögens waren in den Taschen einiger weniger Oligarchen verschwunden, der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte dagegen in Armut. Ich erinnere mich an Menschen vom Dorf, die in Kyjiw am Straßenrand den Ertrag ihrer Gärten feilboten, um die spärlichen Einnahmen dann am Abend für eine Flasche Schnaps auszugeben. Oder an das Gespräch mit einer alten Frau in einem Park von Odessa: als ich ihr zu verstehen gab, dass ich Deutsche sei, erzählte sie mir freudestrahlend, sie sei auch schon mal in Deutschland gewesen, als junges Mädchen, im KZ. Aber – keine Sorge! – heute sei sie froh darüber, denn als Zeichen der Wiedergutmachung überweise ihr der deutsche Staat monatlich einen Betrag, mit dem sie überleben könne– im Gegensatz zu vielen anderen Menschen hier.

Wirtschaftliche Verbesserungen, politische und persönliche Freiheit – das also, was sich die Menschen für die nachsowjetiche Zeit erhofft hatten, hatte sich offenbar für die Mehrheit von ihnen als Schimäre erwiesen. Es war das schockierende Bild von einem “failed state”, das ich von dieser Reise mit nach Hause nahm. Ich weiß noch, dass ich damals zu meiner Reisegefährtin sagte, sollte die Ukraine jemals der EU beitreten wollen, würde ich lauthals dagegen protestieren.

Korruption war – im Gegensatz zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – ein selbstverständlicher Bestandteil des ukrainischen Alltags –das war auch für uns Touristinnen erkennbar.Es gab so gut wie kein Gespräch mit Einheimischen, in dem das Problem der Korruption nicht auf die eine oder andere Art thematisiert wurde. Gleichzeitig schienen sich die Menschen aber auch in ihr Schicksal ergeben zu haben und, den Blick beständig zu Boden gerichtet, desillusioniert durchs Leben zu gehen. Umso überraschter war ich deshalb, als ich 2004 hörte, in der Ukraine finde ein Volksaufstand statt.

So erfuhr ich erstmals von der Orangenen Revolution. Dieselben Menschen, die mir bei meinem grade mal ein Jahr zurückliegenden Besuch so abgestumpft und hoffnungsleer vorgekommen waren, hatten sich in großer Anzahl dafür entschieden, gegen ihren korrupten Staat und dessen Verflechtung mit einer Oligarchenclique aufzubegehren. Ganz offensichtlich hatte ich die Ukrainer*innen falsch eingeschätzt.

Damals schon war die sich formierende zivilgesellschaftliche Bewegung in der Ukraine auch eine gegen die Bevormundung durch Moskau Gerichtete. 2004 waren massive Wahlfälschungen durch den prorussischen Präsidentschaftskandidaten Janukovytsch Anlass für den friedlichen Aufstand gewesen und auch 2014, also 10 Jahre später, gab er, durch seinen Widerstand gegen ein Assoziierungsabkommen mit der EU und seine Verflechtungen mit Moskau, den Anstoss zu den Euromaidanprotesten. Übrigens: wie der ehemalige syrische Diktator Assad lebt auch Janukovytsch heute in einer gated community nahe Moskau im russischen Exil.

Eine dritte Reise in die Ukraine habe ich nicht unternommen und die Entwicklung des Landes später nur noch aus der Ferne verfolgt. Und doch – nach einer weiteren 20-jährigen Pause ist mir die Ukraine wieder näher gerückt: in Gestalt der Flüchtlinge, die 2022 mit Beginn des russischen Angriffskrieges nach Deutschland kamen. Einige von ihnen habe ich kennengelernt, mich mit ihnen ausgetauscht und mitunter auch angefreundet. Das Missbehagen, das ich dem Land gegenüber anfangs empfand, hat sich so Schritt für Schritt ins Gegenteil verkehrt. Ebenso wie die Überheblichkeit, mit der ich oft glaubte, auf die Zustände in dem osteuropäischen Land herabschauen zu können.

Heute habe ich großen Respekt vor dem Mut und der Unbeugsamkeit, mit der die Ukrainer*innen für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen und die Souveränität ihres Landes verteidigen – der beständigen Gefahr und den ungeheuren Strapazen zum Trotz. Denn dieser Krieg wird in zunehmendem Maß auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen und richtet sich mehr und mehr gegen den Alltag der Menschen.

Auch die Korruptionsskandale, die das Land gerade in letzter Zeit schwer erschüttert haben, richten sich letztlich ja gegen die ukrainische Bevölkerung. Überrascht haben sie mich allerdings kaum – angesichts staatlicher Parallelstrukturen und eines klientelistischen Modells, das in der Ukraine offenbar immer noch nicht ausgedient hat. Gleichzeitig zeigen die Ermittlungen der Antikorruptionbehörde und die Aufdeckung der bis in die Spitzen der Regierung hinein reichenden Skandale aber auch , dass sich in Sachen Korruptionsbekämpfung schon einiges getan hat und weiterhin tut; ob dies immer mit Unterstützung der Regierung geschehen ist, darf allerdings bezweifelt werden. Ohne den permanenten Druck aus der ukrainischen Zivilgesellschaft, von der EU und ja, auch von den USA, dürfte sich diese positive Entwicklung deshalb auch kaum fortsetzen lassen.

Aber zurück zu uns. In der deutschen Bevölkerung haben die genannten Enthüllungen zu Reaktionen geführt, die eine weitere Unterstützung des angegriffenen Landes in Frage stellen. Davon zeugen zahlreiche anonyme Kommentare zu einem online Artikel, auf den ich im Netz gestossen bin; einigen davon will ich hier ausschnittsweise zitieren:

“Die Ukraine spaltet nicht nur Europa. Unfassbar, wir kriechen auf dem Zahnfleisch, um mit unseren Geldern den kriminellen Schwerverbrechern ein tolles Leben zu finanzieren…”
“Ist doch klar warum die Krieg wollen, um von eigenen Schandtaten abzulenken…”
“Der Krieg ist deswegen noch nicht beendet, weil sie dort so gut daran verdienen…”
“Dieser ganze Krieg ist von Anfang an verlogen, siehe Nord Stream usw.. Merz, Scholz und von der Leyen werden doch nicht zur Rechenschaft gezogen. Es wird einfach fröhlich so weitergehen…”

Dass die EU kürzlich auch noch entschieden hat, für die weitere Unterstützung der Ukraine nicht auf die eingefrorenen russischen Vermögenswerte zurückzugreifen, sondern stattdessen ein zinsloses Darlehen zu gewähren, letztlich also Steuergelder dafür zu verwenden, wird die Gemüter sicher nicht beruhigen. Im Gegenteil, schon wird von diversen Medien verstärkt die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit der Ukraine gestellt und ob sie aufgrund der jüngsten Skandalenthüllungen den Anspruch auf eine Unterstützung durch uns denn nicht endgültig verwirkt habe?

“ Vielleicht hat Putin ja doch recht gehabt…” So oder so ähnlich könnte die logische Fortsetzung dieser Frage lauten. Denn in seiner unmittelbar vor dem Angriff auf das Nachbarland gehaltenen Rechtfertigungsrede bezeichnete der russische Präsident die ukrainischen Regierung als “volksfeindliche Junta, die das ukrainische Volk ausraubt.” Und, anknüpfend an die jüngsten Korruptionsskandale, könnte er heute ohne weiteres behaupten, der Krieg daure nur deshalb weiter an, weil er den Verantwortlichen in Kyjiw die Möglichkeit zur persönlichen Bereicherung böte und sie somit, logischerweise, an Frieden ganz und gar nicht interessiert seien.

Wie man sieht, die Korruptionskandale im eigenen Land schaden der Ukraine auf mehr als eine Weise; sie spielen – zu allem Übel – auch noch Putins Propaganda in die Hände. Eine Beseitigung der Korruption im Nachbarland ist allerdings nie wirklich ein Anlass für den Krieg gewesen; viel eher liegt der in der Angst begründet, der aufständische Funke könnte aus der Ukraine auf das eigene, das russische Staatsgebiet überspringen. Der Prager Frühling und seine Niederschlagung durch sowjetische Panzer mag die Blaupause für Putins Vorgehen geliefert haben.

Warum aber sollten wir die Korruptionsskandale zum Anlass nehmen, kein Geld mehr in die Verteidigung der Ukraine zu investieren? Damit würden wir doch keinesfall die bestrafen, die die Skandale zu verantworten haben, sondern auch wieder nur die ukrainische Bevölkerung, die ja bereits unter dem russischen Angriff mehr als genug zu leiden hat. Kann es womöglich sein, dass wir zu Hilfeleistungen sogar verpflichtet sind? Schließlich verteidigen die Ukrainer*innen in diesem Krieg nicht nur sich selbst, sondern darüber hinaus auch elementare Werte, die für die Qualität auch unseren Lebens hier in Deutschland von großer Bedeutung sind.

Anders gefragt: was würden wir (ich? Du? Sie?) denn tun, wenn dieser Überfall gegen uns gerichtet wäre? Würden wir uns nicht auch nach Kräften wehren und Gleichgesinnte um Hilfe bitten? Was mich erstaunt, ist, dass oft gerade die, die während der Coronapandemie gegen die Beschneidung von Freiheitsrechten protestierten, sich jetzt gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aussprechen. Als wenn das, was dort ausgefochten werden muss, unfreiwillig ausgefochten, wohlgemerkt, kein gegen Bevormundung und Unterdrückung, ja Auslöschung gerichteter Freiheitskampf wäre! In der häufig pazifistisch daher kommenden Haltung dieser Leute liegt für mich ein schwer verständlicher Widerspruch. Hat er womöglich damit zu tun, dass sie zwischen meine Freiheit und deine Freiheit unterscheiden?

Dass man mit dem Krieg nichts zu tun haben will, kann ich sehr gut verstehen. Aber genau aus diesem Grund sollten wir die Augen nicht vor seinen Gesetzmäßigkeiten verschließen. Statt beständig nur zu versuchen, dem Krieg aus dem Weg zu gehen, sollten wir alles Erdenkliche tun, um ihn wirklich aus unserem Leben und dem Leben von Anderen zu verbannen. Das ist es, was ich heute und unter den gegebenen Umständen unter Pazifismus verstehe.

  • Ekkehard Faude

    4.1.2026, 20:40

    ein umsichtiger, perspektivreicher, gedankenvoller beitrag mit klarem standpunkt.

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