Abschied von Djed?
Wenige Tage noch bis zum 24. Februar, und der Krieg Russlands gegen die Ukraine vollendet das vierte Jahr. Zurzeit stehen Verhandlungen zwischen dem Angreifer, dem Angegriffenen und den USA als „Vermittler“ auf dem Programm, diesmal in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Es ist zu vermuten, dass auch diesmal wenig Substantielles dabei herauskommt, schon gar kein nachhaltiger Frieden. Zu maßlos nach wie vor die Forderungen der russischen Seite, die nichts weniger als eine totale Unterwerfung der Ukraine und die Annexion großer Territorien anstrebt.
Die aktuellen diplomatischen Bemühungen halten das Moskauer Regime zudem nicht davon ab, die zivilen Wohngebiete der Ukraine, insbesondere seine großen Städte, mit einer noch nie dagewesenen Masse an Drohnen und Raketen zu beschießen. Im Gegenteil: Tote und Verletzte werden nicht nur billigend in Kauf genommen, sie sind, neben der Zerstörung der zivilen Infrastruktur, gewollt. Mit dem Bombardement soll der Verteidigungswillen der geschundenen ukrainischen Bevölkerung gebrochen werden.
Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die Verzweiflung der Ukrainerinnen und Ukrainer zunimmt und der Mut sinkt. Wie soll es auch anders sein, angesichts einer voll entfesselten Aggression des übermächtig erscheinenden Nachbarn und den verwinkelten, zaudernden oder oft aus egoistischen Gründen hintertriebenen Bemühungen des „Westens“, diesen barbarischen Krieg aktiv und mit Nachdruck zu beenden.
Wenn es im Moment auch schwierig sein dürfte, die aktuelle Stimmung der ukrainischen Bevölkerung mit demoskopischen Mitteln differenziert zu erfassen, so scheint das in Bezug auf Russland fast unmöglich zu sein. Der Moskauer Machtapparat hat die russische Zivilgesellschaft in einen engen Würgegriff genommen, regierungsunabhängige Untersuchungen sind kaum mehr möglich. Abweichende Meinungen oder gar Kritik an Regierung und Armee werden hart bestraft.
Licht ins Dunkel können auf russischer Seite allenfalls die wenigen noch aktiven, unabhängigen Meinungsforschungs- und Sozialforschungsinstitute bringen, allen voran das seit 1987 bestehende Lewada-Zentrum mit Sitz in Moskau. Es ist spezialisiert auf öffentliche Meinungsumfragen, Sozial- und Marktforschung in Russland und wurde natürlich auch, und zwar schon 2016, vom russischen Justizministerium als sogenannter „ausländischer Agent“ eingestuft. Staatliche Kontrolle und Einschränkungen der Arbeitsmöglichkeiten, vor allem auch im Hinblick auf die Finanzierung sind die Folge.
Der Leiter des Lewada-Zentrums, der 79jährige russische Soziologe Lev Gudkov, berichtete vor Kurzem beider Deutschen Sacharow-Gesellschaft in Berlin über die neuesten Erkenntnisse. Die FAZ fasste in ihrer Berichterstattung den Kernbefund wie folgt zusammen:
„Die Menschen empfinden verstärkt Stolz auf ihren Staat und, da dieser sie von Verantwortung und Minderwertigkeitsgefühlen entlastet, auch eine größere Selbstsicherheit. (…) Dabei nehme ein Großteil der Menschen ihre Machthaber sehr wohl als mafiose, korrupte Bande wahr, die andere zynisch ausnutzten und betrögen (…). Doch zugleich bewunderten sie auch die Stärke ihres Staates und erhofften sich von ihm Schutz.“
Gudkov stellt laut FAZ diese Beobachtung in den Rahmen einer zunehmenden staatlichen Repression:
„Dass behördliche Gewalt oft willkürlich und ohne ersichtliche Begründung zum Einsatz kommt, zerstöre jeden moralischen Konsens, Empathie und Solidarität in der Gesellschaft; gegenseitiges Vertrauen werde zerstört. Die Folgen (…) seien fatalistische Unterwerfung unter die Obrigkeit, euphorische Superloyalität, aber auch Zynismus, Abstumpfung und Gleichgültigkeit aus Selbstschutz.“
Was Letzteres angeht: Das Leid, das die russischen Streitkräfte in der Ukraine anrichteten, werde, wie die FAZ-Autorin Kerstin Holm festhält, laut Gudkov weitgehend verdrängt, „nur etwa zehn Prozent der Menschen empfänden so etwas wie Scham“. So sei es auch nicht verwunderlich, dass die meisten Menschen in Russland heute für ein Ende des Krieges sind, nicht jedoch für den Rückzug Russlands aus den eroberten „neuen“ Territorien in der Ukraine.
Lange Zeit galt das Lewada-Zentrum als einziges noch unabhängiges Institut. Inzwischen gibt es weitere, kleinere Projekte. Mit der Auswertung mehrerer Umfragen befasst sich, wie die Zeitung „Die Welt“ berichtet, die an der Universität Helsinki forschende Russin Marina Wyrskaja.
Wyrskaja ist vorsichtig, wenn es um exakte Angaben geht, Prozentzahlen, wenn es zum Beispiel um die Frage geht, ob jemand für oder gegen die Beendigung des Krieges geht, will sie nicht nennen. Zu defensiv und überaus vorsichtig ist das Verhalten derer, die man mit demoskopischen Mitteln erreichen kann.
Dennoch ergibt sich für sie das relativ stabile Bild, dass es jeweils rund 20 Prozent konsequente Unterstützer und konsequente Gegner des Krieges gebe, mit etwas mehr konsequenten Gegnern des Krieges. Feststellen lasse sich auch, dass die Zahl der konsequenten Unterstützer im Laufe der Jahre leicht abnehme. Die große Mehrheit von rund 60 Prozent changiere dazwischen, mit, wie Wyrskaja sagt, „mit widersprüchlichen, unsicheren oder situationsabhängigen Antworten“.
Etwas klarer wird es, wenn es um die Profile der Antwortgeber*innen geht. Wyrskaja im Wortlaut:
„Den Krieg unterstützen offen eher Männer als Frauen. Es sind häufiger Menschen mit höherem Einkommen, die mit der wirtschaftlichen Lage des Landes zufrieden sind, sowie Personen mit Hochschulabschluss – hier sehen wir in unseren Online-Umfragen eine klare Korrelation. Der Konsum von Fernsehen erhöht erwartungsgemäß die Unterstützung, aber auch Menschen, die Informationen über Telegram-Kanäle beziehen, gehören häufiger zu dieser Gruppe. Zudem zählen religiöse Menschen dazu, die Patriarch Kirill vertrauen.
Den Krieg nicht unterstützen dagegen überwiegend Frauen sowie Menschen im jungen und mittleren Alter – also 18- bis 34- sowie 35- bis 54-Jährige. Hinzu kommen Personen, die die wirtschaftliche Lage des Landes schlechter bewerten und deren eigene materielle Situation eher nicht so gut ist. Sie konsumieren Nachrichten überwiegend über YouTube. Häufig zählen sie sich nicht zu den Gläubigen; und diejenigen, die sich als gläubig bezeichnen, vertrauen Patriarch Kirill meist nicht.“
Zwei Dinge sind laut der Forscherin ausschlaggebend im Hinblick auf die Haltungen. An vorderster Stelle stehe die wirtschaftliche Lage des Landes sowie die eigene wirtschaftliche Situation. Aber es sind auch die vielen Toten auf russischer Seite, die die Menschen nachdenklich stimmen, konkret die Särge, die im Land des Aggressors ankommen. „Geldbeutel und Tod – das sind die harten Faktoren“, sagt Wyrskaja.
Allgemein konnte Wyrskaja feststellen, dass die Bereitschaft, an einer, vor allem telefonischen, Umfrage teilzunehmen, eher gestiegen ist, auch wenn die Repression in Russland im Laufe des Krieges stetig zugenommen habe. Denn die Menschen beschäftigen sich durch die eingetretene Lage mehr mit politischen Fragen. Auch werde der Kontakt mit den Demoskopen als Zeichen gewertet, dass die Dinge in Bewegung sind. Dennoch, so der Befund der Forscherin, glaubt die Mehrheit der Russinnen und Russen nicht an ein baldiges Ende des Krieges.
Einen Blick auf die wirtschaftliche Führungselite wirft Alexandra Prokopenko in einem Gespräch mit Katharina Wagner von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Prokopenko war von Mai 2023 bis März 2024 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa und internationale Studien (ZOiS), seit April 2024 ist sie Fellow am Carnegie Russio Eurasia Center. Vor ihrem Wechsel in den Westen war Prokopenko von 2017 bis 2022 Beraterin der russischen Zentralbank, davor berichtete sie als Reporterin bei TASS und Vedomosti über Politik, Wirtschaft und Wahlkämpfe und war bestens in die russischen Informationsnetzwerke eingebunden. Beide Tätigkeiten gewährten ihr tiefe Einblicke in die ökonomischen Strukturen Russlands.
Prokopenko geht davon aus, dass ein Großteil der zivilen Führungskräfte über den am 24. Februar 2022 begonnenen militärischen Angriff auf die Ukraine geschockt war. Trotzdem seien die allermeisten auf ihren Posten geblieben. Sie hätten in der Folgezeit nicht nur ihre bisherigen Aufgaben erledigt, sondern hätten auch die allmähliche Konversion auf die Kriegsbedingungen aktiv mitgestaltet. Das sei für diejenigen Kräfte, die in der staatlichen oder staatlich kontrollierten Wirtschaft arbeiten, weniger der Treue zu Putins Regime als eher dem Mangel an beruflichen Alternativen im privaten Sektor geschuldet gewesen.
Außerdem haben sich die verhängten Sanktionen des Westens gegen hochrangige Manager kontraproduktiv ausgewirkt. „Die zivile Führung fühlte sich zu Unrecht bestraft, weil sie ohnehin keinen Einfluss auf Putin hatte. Die Sanktionen schürten bei diesen Leuten enorme Wut auf den Westen“, erläutert Prokopenko. Zudem sei es für Russinnen und Russen grundsätzlich schwieriger geworden, das Land zu verlassen. Das beginne schon damit, wie Geldbestände ins westliche Ausland transferiert werden können
In vielem passe sich die Führungselite den gegebenen Umständen an. Statt Urlaube oder Wohnsitze an den sonnigen Küsten des westlichen Auslands, ziehe man nun arabische Staaten vor, zum Beispiel Dubai. Kinder, die man bisher auf die Elite-Universitäten des Westens geschickt habe, bekämen dort nun ein vergleichbares Angebot, oft durch Professoren aus dem Westen. Denn man wolle weiterhin, dass die eigenen Nachkommen teilhaben können an den Standards einer globalisierten Welt.
Alles in allem herrsche in der zivilen Führungselite die Angst. Niemand könne sich mehr sicher fühlen, Putin habe Willkür und Ungewissheit zu Herrschaftsinstrumenten kultiviert. Daher wage niemand mehr, ihm offen zu widersprechen oder negative Informationen zu liefern. Diese Haltung führe andererseits aber auch dazu, dass Putin kein realistisches Bild der Lage mehr vermittelt werde. Er erhalte geschönte Berichte aus der Wirtschaft wie auch von der Front in der Ukraine.
Neben der Angst vor dem Putin’schen Machtapparat mache sich allerdings auch Respektlosigkeit breit. So werde Putin in der Führungselite nicht mehr nur „Chef“ genannt, sondern vermehrt auch „Djed“, also Opa. „Keiner glaubte, dass er den Befehl zum Einmarsch gibt“, sagt Prokopenko. „Die Elite hielt ihn trotz allem für rational, für jemanden, der das Wohl des Landes im Blick hat. Als er dann doch den Befehl gab, haben sie den Respekt vor ihm verloren.“
Prokopenko ist sich sicher, dass in der zivilen Führungsschicht „so gut wie keiner“ den Krieg wolle, aber man habe kein Konzept, wie man den Krieg beende könne, ohne dass Chaos entstehe. Daher hoffe man eher auf „einen Akteur von außen, der die Situation radikal verändert“. Da knüpften sich anfangs auch Erwartungen an Donald Trump.
Am anderen Ende der sozialen Skala mache sich ebenfalls Ernüchterung breit. Denn die Hoffnung, durch den Krieg aus prekären Verhältnissen herauszukommen, zum Beispiel durch den relativ üppig bemessenen Soldaten-Sold, ist weitgehend verflogen. Prokopenko hält fest, „dass die Armen vom Krieg nicht profitieren“.
Noch aber müsse Putin, so Prokopenko, nicht auf Kriegswirtschaft mit ihren Möglichkeiten einer harten Lenkung bis hin zu Zwangsmaßnahmen umschwenken. Auch wenn die Wirtschaft aufgrund sinkender Einnahmen und steigernde Ausgaben aus der Balance geraten sei, so reichten die Ressourcen dennoch aus. Vor allem in den Zentren kann so weiter Eindruck aufrechterhalten werden, dass das Leben dort angenehm sei. Ein Absacken des Lebensstandards, so muss geschlossen werden, kann aber die Stimmung im Land weiter verschlechtern.
Deutsche Sacharow-Gesellschaft Berlin, https://sacharow.de/
Ignoranz aus Selbstschutz, Beitrag von Kerstin Holm, FAZ, 30.01.2026
Interview mit Marina Wyrskaja, Die Welt, 30.01.2026
„Russlands Elite wünscht sich eine Alternative zu Putin“, Katharina Wagner im Gespräch mit Alexandra Prokopenko, FAZ, 05.02.2026
Alexandra Prokopenko, Соучастники. Почему российская элита выбрала войну (Soutschastniki. Potschemu rossijskaja elita wybrala wojnu, übersetzt: „Komplizen: Warum die russische Elite den Krieg gewählt hat“), erschienen über im Verlag der StraightForward Foundation, die sich auf die Publikation von Werken unabhängiger russischer Autoren im Exil konzentriert; die Veröffentlichung des Buches auf Deutsch war für den 15. Oktober 2025 beim DVA Verlag geplant, liegt aber noch nicht vor; eine englische Übersetzung unter dem Titel „From Sovereigns to Servants – How the war against Ukraine reshaped Russia’s elite“ bei Hurst Publishers, London, ist für Juli/August 2026 angekündigt.
Abbildung: KI