Martin Schulze Wessel über die Ukraine – ein Veranstaltungshinweis

Peter Conzelmann

Am Dienstag, 24. Februar 2026, also am vierten „Jahrestag“ des russischen Überfalls auf die Ukraine, treffen sich im Literaturhaus München die beiden Historiker und Osteuropa-Experten Martin Schulze Wessel und Karl Schlögel zu einem Gespräch. Hintergrund ist die neueste Publikation von Martin Schulze Wessel unter dem Titel „Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“ im Verlag C.H.Beck, München. Die Veranstaltung beginnt um 18:00 Uhr und kann auch per Streaming besucht werden unter folgendem Link: www.literaturhaus-muenchen.de/stream.

Dass die Deutschen im Allgemeinen wenig bis gar nichts Substantielles über die Ukraine wussten, der Autor dieses Beitrags eingeschlossen, wurde spätestens offenbar, als das von Wladimir Putin beherrschte Russland vor vier Jahren seinen Vernichtungskrieg gegen das benachbarte Land begann.

Sicher, da gab es immer wieder Meldungen von eher chaotisch anmutenden Verhältnissen, insbesondere wenn es um die Besetzung politischer Spitzenämter oder um die Machenschaften diverser Oligarchen samt massiver Korruption ging, man hörte von Verhandlungen über einen Betritt zur EU, hatte irgendwann auch mitbekommen, dass in der Ukraine viel Getreide produziert wird, gerne versehen mit der Metapher „Kornkammer“, wusste einigermaßen, wofür der Donbass bekannt ist, und die bekanntesten und beliebtesten Ukrainer waren lange Zeit die boxenden Klitschko-Brüder.

Unter dieser Oberfläche aber war für uns alles doch irgendwie – russisch. Mit dem Zerfall der Sowjetunion nach der Ära Gorbatschow hatte man in der westlichen Welt zwar durchaus verschiedene eigenständige Nationen bzw. Nationalitäten (wieder)erkennen können, so vor allem im Baltikum, im Kaukasus und am Schwarzen Meer, erstaunt teilweise über die Vehemenz, mit denen diese „neuen“ Staaten ihre sowjetische Identität abschüttelten. Schließlich waren bei uns über viele Jahrzehnte die Bezeichnungen „Sowjetunion“ und „Russland“ synonym verwandt worden. Aber Belarus und die Ukraine, die waren doch eigentlich auch Russland, oder? Hatten die überhaupt eine eigene Sprache, eine eigene Geschichte, eine eigene Kultur?

Für Putin, seine Einflüsterer und seine Anhängerschaft ist der Mythos von „Noworossija“, womit die im Südosten der Ukraine gelegenen Gebiete gemeint sind, von zentraler Bedeutung im Rahmen der ideologischen Kriegsführung. Diese Region war im 18. Jahrhundert für das zaristische Imperium kolonialisiert worden und wird heute nahezu sakral überhöht. Putin und der gesamte russische Propaganda-Apparat werden nicht müde zu betonen, dass die Auflösung der Sowjetunion die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ und schon die Lenin’sche Nationalitätenpolitik grundfalsch gewesen sei. Stalin hingegen sei dafür zu verehren, dass er mit dieser Politik gebrochen habe. Mit der Auflösung der Sowjetunion sei hingegen der Fehler wiederholt worden, und man habe die Ukraine samt Donbass und Krim in die Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit ziehen lassen.

Nicht wenige Exponenten des aus den links- und dem rechtsaußen gelegenen politischen Lagern in Deutschland sehen es in diesem Sinne. Sie sprechen von Provokationen gegenüber Russland, wenn es um die Frage der Mitgliedschaft der Ukraine in Nato und EU geht. Die Ukraine, heißt es oft, sei „schon immer ein Teil Russlands“ gewesen, zwischen Russen und Ukrainern gebe es ethnisch und kulturell im Grunde keinen Unterschied; Bestrebungen nach staatlicher Eigenständigkeit in der Vergangenheit sei von nationalistischen, schlimmstenfalls auch mit den Nazis verbündeten Gruppierungen getragen worden.

Der in München lehrende Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel hat völlig recht, wenn er feststellt:

„Die Ukraine war – und ist zum Teil noch immer – ein blinder Fleck im mentalen Kartenwerk der Deutschen“

Dieses aktuelle Nichtwissen steht im Kontrast zu der engen Verflechtung der deutschen und der ukrainischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Schulze Wessel neues Buch widmet sich daher und erstmals der Analyse der Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen.

Das Gespräch mit Karl Schlögel, einem der profiliertesten Kenner Osteuropas, 2025 ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dürfte überaus spannend werden.


Martin Schulze Wessel, Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert, Verlag C.H.Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82174-5

Empfehlenswert auch:

Martin Schulze Wessel, Der Fluch des Imperiums – Die Ukraine, Polen und der Irrweg in der russischen Geschichte, Verlag C.H.Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82962-8

Karl Schlögel (mit Irina Scherbakowa), Der Russland-Reflex. Einsichten in eine Beziehungskrise, edition Körber-Stiftung, Hamburg 2015, ISBN 978-3-89684-169-8. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, 2022, ISBN 978-3-446-27657-4

Ders., Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. Hanser, München 2015, ISBN 978-3-446-24942-4 (wieder aufgelegt in FischerTaschenbuch 2023, ISBN 978-3-596-70970-0)

Ders., Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt. C. H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-71511-2 (wieder aufgelegt in der Edition C. H. Beck Paperback 2020: ISBN 978-3-406-74831-8)

Streaming Literaturhaus München: www.literaturhaus-muenchen.de/stream.

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