Der (un)gerechte Krieg

Delf Bucher

Eine Betrachtung des aktuellen Iran-Krieges aus der Perspektive der augustinischen Prinzipien des gerechten Krieges.

Jeden Tag überrascht uns die NZZ mit verwirrenden Aussagen. Am Mittwoch, 11. März steht gleich auf der Front ein Satz des US-Korrespondenten Andreas Scheiner, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Trump wird dabei als Kriegsherr zum moralischen Tugendbold. «In der Analyse seines Handelns sollte man dem gegenwärtigen Präsidenten aber auch grundsätzliche moralische Imperative nicht unterschlagen.» Nun hat Scheiner, so steht es wenigstens in der Kurz-Bio der NZZ, Philosophie studiert und sollte doch zumindest im Groben im Bilde der augustinischen Prinzipien für einen gerechten Krieg sein.

Jus ad Bellum: Das Recht zum Krieg

Das Jus ad Bellum (Das Recht zum Krieg) steht einem zu, wenn es um Selbstverteidigung geht. Trump sagte denn auch, dass die immer größeren Reichweiten iranischer Raketen die USA treffen könnten; eine Behauptung, die selbst aus Geheimdienst- und Militärkreisen der USA verneint wird.

Einen Krieg führen darf, wer die legitime Autorität besitzt. Völkerrechtlich ist diese heute bei der UNO angesiedelt, die aber blockiert ist. Deshalb lassen wir Trumps einsame Entscheidung einmal für gerechtfertigt stehen, vor allem, wenn sie seinen bei Kriegsbeginn gemachten Aussagen folgt: dem Schutz iranischer ZivilistInnen. Nur wurde dieses moralisch zu rechtfertigende Ziel in der Kakophonie von Aussagen möglicher Kriegsziele von Trump pulverisiert. Der Regime-Change eines Unterdrückerstaates wäre das beste Argument eines von moralischen Imperativen bestimmten Trump gewesen. Wenn aber der Mann von ethischen Überlegungen getrieben wäre, hätte er Mitte Januar, als Tausende von couragierten DemonstrantInnen von den Revolutionsgarden abgeschlachtet wurden, seinen Worten – «Hilfe ist auf dem Weg» – Taten folgen lassen.

Jus in Bello (Das Recht im Krieg)

Was die ZivilistInnen anbelangt, kommt auch das Jus in Bello (Das Recht im Krieg) von Augustinus ins Spiel, und da geht es um die Angemessenheit der Mittel. Leider hat der Angriff auf das Schulgebäude einer Mädchenschule gezeigt, dass das Gebot, unverhältnismässig Gewalt zu vermeiden, missachtet wurde. Die Bombardements, die nun immer mehr gegen zivile Infrastruktur des Irans und damit gegen die ZivilistInnen gerichtet sind, entsprechen ebenfalls nicht der Forderung nach einem adäquaten Einsatz der Mittel. Kommt hinzu: Die Ausweitung des Krieges war von vornherein vorhersehbar und löst nun einen Flächenbrand in der ganzen Region aus. Der Iran-Krieg hat auch weitreichende Implikationen auf einen anderen Kriegsschauplatz, wo eindeutig ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg stattfindet – in der Ukraine. Mit dem Steigen des Ölpreises wird der russische Aggressor gestärkt, und mit den Intensivbombardements der USA und Israels fehlen nun in den Munitionsdepots der Ukraine Luftabwehrraketen wie Granaten. Dass in dieser Kriegszeit Trump ein freundliches Gespräch mit Putin als Verantwortlichen des Angriffskriegs in dieser Woche führt, zeigt eindeutig: Es sind keine Anzeichen eines Präsidenten zu erkennen, der von einem moralischen Imperativ geleitet ist.

Conclusio: Dieser Krieg genügt nicht den augustinischen Prinzipien und die von Scheiner insinuierten moralischen Imperative existieren nicht.


Abbildung: AI

  • Christina Herbert-Fischer

    11.3.2026, 23:11

    Ein unberechenbarer demokratisch gewählter Despot greift einen Unrechtsstaat an, aus machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen. Man braucht keine Philosophie studiert zu haben und man muss auch noch nie etwas von den augustinischen Prinzipien gehört haben, Moral existiert hier nicht, auf den ersten Blick erkennbar und ganz ohne Imperative für eher ungebildete Bürger. Trotzdem Danke!!!

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  • Herbert Lippenberger

    12.3.2026, 12:55

    Bester Delf,
    Deine Abhandlung über die Moralität des Krieges erscheint mir aus der wohl temperierten Stube kommend sehr theoretisch, wenn nicht gar theologisch formuliert.
    Kein Krieg fragt nach der Moral! Er begründet sich stets mit der Verfügbarkeit über die Macht des Faktischen und die gegebenen Mittel für seine Durchsetzung, also einer militärischen Logik.
    Das Ziel dieses Kriegs, der auch gleich wie in Russland in Washington nicht mehr als Krieg bezeichnet werden darf, ist wohl eine Zurschaustellung der letzten US-amerikanischen Superiorität in Form ihrer tatsächlich seit mehr als 200 Jahren entwickelten militärischen Stärke. Die USA sind in einem „Befreiungskrieg“ entstanden und haben den nordamerikanischen Kontinent letztlich auch militärisch erobert. Die ökonomische Stärke der USA beruhte stets auch auf ihrer militärischen Stärke. Militärische Schwäche hat stets, wie es der Vietnam-Krieg zeigt, auch tiefgreifende innenpolitische Erschütterungen nach sich gezogen. Die US-Regierung schiesst auf die iranische Führungsstruktur, will aber letztlich wohl vor allem die chinesische Führung dabei warnen, wohl auch demütigen.
    Moral spielt hier keine Rolle, es geht darum, den ökonomischen Niedergang durch die ins Stocken gekommene industrielle Transformation mit den Mitteln der Machtpolitik zu kompensieren. Allegorisch gesagt, prügelt Trump mit der Steinzeitkeule im Hightech-Raum des 21. Jahrhunderts herum – er versteht und kann es wohl auch nicht anders.
    Moral ist das nicht – das ist purer Atavismus.
    Sollte er im Iran steckenbleiben, wird er sich in nicht allzu ferner Zeit dann in Havanna feiern lassen….!

    1. Delf Bucher

      2.4.2026, 11:46

      Lieber Herbert

      Moral spielt für mich eine gewichtige Rolle, wenn dies auch heute völlig aus der Mode gekommen ist. Eine biografische Erklärung dazu: Nun ich habe mit der idealistischen Vorstellung «Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin» den Kriegsdienst verweigert. Als die Balkankriege starteten, bin ich als Pazifist in eine Zwickmühle geraten, und habe mich tatsächlich dem ethisch begründeten Konzept einer humanitären Intervention angeschlossen und damals in der Konstanzer «Infokneipe» Prügel bezogen. Wir können es aber nun wenden wie wir wollen: Das damalige US-Engagement war weder auf ökonomische noch auf Sicherheitsinteressen Amerikas ausgerichtet. Es lag Clintos Entscheidung tatsächlich ein moralischer Imperativ zugrunde, den nun der NZZ-Korrespondent auch Trump andichtet. Das war und ist für mich unglaubwürdig. Und deshalb stellte ich das Moralargument eher auf den theoretisch-theologischen Prüfstand.

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  • Michael Moller

    29.3.2026, 19:04

    Delf, ich stimme dir zu, dass die moralischen Imperative für einen Krieg bei Trump de facto nicht existieren.

    Vielen Dank für dein Insistieren darauf, dass es für Menschen, die für sich „positive Moral“ als Leitmotiv in Anspruch nehmen, plausibel sein sollte, diese auch für (zumindest einigermassen konsistent-legitime) Kriegsgründe einzufordern, und sei es auch in Form von moralischen Dilemma-Abwägungen.

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