The Loser

Peter Conzelmann

Was im orangefarbigen Schädel des US-Präsidenten vorgeht, wissen die Götter. Möglicherweise selbst diese nicht. Aber noch mal der Reihe nach. Was genau wollte der mindestens hochnarzisstisch Veranlagte, nach Meinung einiger nicht unmaßgeblicher Leute aus der politischen US-Szene auch Geistesgestörte im Weißen Haus (die Bezeichnungen reichen von „moron“ = Idiot bis „mentally deranged“ = mental gestört) eigentlich mit dem Waffengang gegen den Iran erreichen?

Auf der Agenda standen:

  • Beseitigung des Mullah-Regimes
  • Beendigung des iranischen Atomprogramms
  • Ausschaltung des militärischen Potentials des iranischen Regimes
  • Sicherung einer offenen Straße von Hormus
  • Stopp der Unterstützung terroristischer Gruppen im Nahen Osten
  • Blühende Landschaften am Roten Meer, ähnlich der „Riviera in Gaza“.

Final also Friede, Freude, Eierkuchen, und das alles praktisch handstreichartig in 14 Tagen, ohne eigene Verluste und ohne, dass es zu irgendwelchen globalen Verwerfungen führt, schon gar nicht in Trumpamerika, auch ohne Beeinträchtigung der Verbündeten am Roten Meer, also vor allem Dubai, Kuwait, Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate?

Nichts davon ist erreicht oder eingetreten.

  • Die Mullahs sind nicht nur weiter an der Macht, nun soll auch mit ihnen verhandelt werden, was nur auf sogenannter „Augenhöhe“ geboten ist. Außerdem geht es vermutlich gegenüber der eigenen Bevölkerung gestärkt aus dem Konflikt heraus, weil der „Erzfeind“ USA sich für viele als genau ein solcher erwiesen hat
  • Das iranische Regime verfügt weiterhin über sein atomares Potential
  • Die militärische Schlagkraft des Iran ist zwar geschwächt, aber weiterhin aktiv, so dass selbst der vereinbarte Waffenstillstand brüchig geworden ist
  • Die Straße von Hormus ist weiterhin nicht passierbar
  • Die Unterstützung der Hamas, Huthi und Hizbullah durch den Iran hatte schon vor dem Militärschlag erheblich nachgelassen, ein kompletter Stopp konnte aber nicht erreicht werden.

Neben dieser negativen Bilanz vor Ort hat das militärische Hasardeurspiel erhebliche Auswirkungen auf das Publikum daheim: Auch in Trumpamerika steigen die Preise an den Tankstellen, und Teilen der MAGA-Bewegung ist nicht zu erklären, warum sich ihre Lichtgestalt an den gemäß Verfassung der USA eigentlich vorgesehen Beteiligung der Volksvertretung vorbei in einen neuerlichen Krieg fernab der Heimat gestürzt hat. Die Umfragewerte für Trump sinken weiter. Und so gut wie alle Verbündeten am Roten Meer wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Zur negativen Bilanz zählt auch, dass man in Teheran nun weiß, wie man seinen geostrategischen Vorteil an der Straße von Hormus nutzen kann, zum Leidwesen praktisch der gesamten globalen Ökonomie.

Das jüngste massive Drohen Trumps, verbunden mit einem Ultimatum bis Dienstag, 7. April, in der selbst für seine Verhältnisse überaus vulgären verbalen Form und mit der Klimax einer angekündigten Auslöschung der iranischen Zivilisation (O-Ton: „“A whole civilization will die tonight“), also nichts weniger als die Begehung eines Genozids, erweisen sich vor diesem Hintergrund als das plumpe Säbelrasseln eines Commander-in-Chief, der nicht die leiseste Ahnung hatte, auf was er sich einließ, der ohne erkennbares strategisches Konzept vorging, dabei seine wichtigsten westlichen (Noch)-Verbündeten nicht einbezog und dessen eigene Hütte inzwischen in Brand geriet.

Nebenbei: Solche Töne in einem Konfliktfall – also jenseits eines durchaus bedrohlich wirkenden, aber nicht auf eine unmittelbare Aktion zielenden Hinweises auf das Overkill-Potential der eigenen Streitkräfte – kannte man bisher nur von Diktatoren, vorneweg Hitlers 1939 und kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Reichstag angekündigte „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“, des obersten Sowjets Nikita Chruschtschow im Kalte-Kriegs-Jahr 1956 geäußertes, wohlwollend gesehen eher ideologisch gemeintes „Wir werden euch begraben“ oder die von Nordkoreas Dynasten Kim Jong-il und Kim Jong-un mehrfach ausgesprochene Drohung, die USA oder Südkorea „in Feuer zu verwandeln“.

Welche verheerenden Auswirkungen Trumps präpotentes Poltern – abgesehen von seinen nach wie vor glühenden Anhängern der MAGA-Bewegung – auf das Publikum daheim hatte, kann man unter anderem an der Reaktion des Ökonomen und Nobelpreisträgers Paul Krugman erkennen, der in Videos von nichts weniger als von „Amerikas dunkelster Stunde“ und davon sprach, „Amerika, wie wir es kannten, könnte heute (i. e. Dienstag, 7. April; PC) zu Ende gehen“.

Fazit: Trump und sein mindestens ebenso minderbegabter, in seine martialischen Tattoos verliebter und daher wie sein Chef narzisstisch veranlagter sogenannter „Kriegsminister“ Pete Hegseth sind die Loser der letzten Wochen.

Dass der imbezile Trump es ganz anders sieht, durfte jüngst Nato-Generalsekretär Mark Rutte erfahren, der sich von einem „grollenden“ US-Präsidenten im Weißen Haus anhören durfte, dass verschiedene Nato-Partner es an Unterstützung haben fehlen lassen. Damit wäre aus Sicht Trumps und seiner Clique ein Teil der Schuldigen an der Bauchlandung ja schon mal gefunden. Und selbstverständlich wird nun auch wieder mit dem Austritt aus der Nato gedroht.

Auf der anderen Seite: So ganz erfolglos war der Einsatz von Menschen und Material aus Sicht Trumpamerikas nun doch nicht. Denn – und das ist Trumps Lieblings-Ding – man könnte doch mit den Mullahs, nach dem guten, alten Business-Motto „If you can’t beat them, join them!“, einen Deal machen. Sich finanzielle Vorteile sichern, auch und gerade fürs eigene Portemonnaie, das gehört zum Credo der Trump-Regierung. Zum Beispiel mit Gebühren, die künftig für die Durchfahrt in der Straße von Hormus zu entrichten sind. Diese ist zwar nach Völkerrecht internationales Gewässer, also praktisch wie offenes Meer, aber was juckt den US-Präsidenten schon das Völkerrecht. Noch jede seiner außenpolitischen Aktionen hat gezeigt, dass dieses ihm, um es in seiner Tonlage zu sagen: scheißegal ist.


Videos von Paul Krugman: https://www.youtube.com/watch?v=ugfzaskVP7w; https://www.youtube.com/watch?v=lKSXph-qxPY

Abbildung: KI

  • Christina Herbert-Fischer

    9.4.2026, 18:30

    Das Problem ist, dass Trump und seine Blase erst mal möglicherweise damit durchkommen. Bis zu den nächsten Wahlen fließt noch viel Wasser den Rhein runter. Wenig wahrscheinlich, dass die USA ihn in absehbarer Zeit wirklich los wird, abgesehen davon, dass er genug Unterstützer hat und er ist es ja nicht allein. Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass die verursachten Schäden mit jeder Woche wachsen und wohl kaum einfach rückgängig gemacht werden können, selbst wenn er morgen plötzlich nicht mehr da wäre. Dies gilt für die Demokratie in den USA, für die Kriege und die Kriegsfolgen, für die Nato, die Diplomatie im Allgemeinen, für die Umweltschäden und die Wirtschaft. Wer ein Kleinkind mit Bauklötzen beobachtet, kann sehen, dass ein Türmchen zu bauen um ein Vielfaches länger dauert, als es umzuhauen. Die zerstreuten Klötze wieder einzusammeln und neu zu bauen, das dauert dann eher noch länger als der erste Aufbau. Das ist freilich ein kindisches Beispiel im wahrsten Sinne des Wortes, doch leider wahr. So schnell gibt es kein Zurück in die Vortrumpzeit, wenn überhaupt jemals.
    Ich würde mir wünschen, dass sich Europa als Einheit formiert und aufhört sich an Vergangenes zu klammern. Die Hoffnung stirbt zu Letzt, sagt man. Ich denke die Hoffnung beginnt genau erst dann. Aber vielleicht ist Zuversicht im Angesicht aller Katastrophen eine Stärke, auf die wir uns besinnen sollten, ohne Illusionen.

    1. Peter Conzelmann

      10.4.2026, 13:49

      Die Midterms könnten schon eine gewisse Wende in den USA einleiten. Denn Trump hat eben nicht nur außen- , sondern auch innenpolitisch viel Porzellan zerschlagen. Mit dem planlosen Angriff auf den Iran – auch wenn wir uns alle insgeheim gewünscht haben mögen, dass die Diktatur der Mullahs verschwindet – hat er seine Position in den USA verschlechtert. Selbst im eigenen MAGA-Lager sind nun kritische Stimmen zu hören. Gefährlich könnte es indessen werden, wenn jetzt schon die potentiellen Nachfolger von Trump, z. B. J. D. Vance, in die erste Startreihe rutschen. Denn die sind gegebenenfalls in strategischen Fragen besser aufgestellt. Das vielfach hilflose Agieren der Europäer ist ein Drama, das traurig stimmt. Man bekommt es nicht einmal fertig, sich einen aktiven Anti-Europäer wie Viktor Orban vom Hals zu schaffen.

      Auf Peter Conzelmann antworten Abbrechen

      Ihr Kommentar wird nach Freigabe veröffentlicht

    Auf Christina Herbert-Fischer antworten Abbrechen

    Ihr Kommentar wird nach Freigabe veröffentlicht

  • Ihr Kommentar wird nach Freigabe veröffentlicht