Ideologische Fronten, blinde Flecken

Delf Bucher


Im Nahostkonflikt gilt eine einfache Logik: Die eigene Seite ist unschuldig, die andere zu allem fähig. Genau diese Haltung verhindert, dass sexualisierte Gewalt als das erkannt wird, was sie ist – ein wiederkehrendes Instrument des Krieges.

Schon einen Tag nach dem 7. Oktober 2023 stellte die Hamas sexuelle Gewalt zur Schau: Halbnackt lag die verschleppte Shani Louk auf der Ladepritsche eines Pickup-Trucks. Als Trophäe wurde sie durch die Strassen gefahren. Männer trampelten auf ihrem Körper, die Menge johlte: «Allahu akbar.» 23 Tage später war die Frau, die auch einen deutschen Pass besass, tot. Das Propagandavideo der Hamas machte unmissverständlich klar: Sexualisierte Gewalt gehört zu ihrem Waffenarsenal. Die inszenierten Bilder der erniedrigten Frau zeigen den brutalen Mix aus Testosteron und islamistischem Fanatismus in seiner extremsten Form.

Hamas-Gräuel nachgewiesen

Für mich liessen diese Bilder von Beginn an keinen Zweifel: Diese Kriegsführung ist menschenverachtend – und sie nimmt Frauen gezielt ins Visier. Verwundert hörte ich die propalästinenischen Gegenstimmen. Vergewaltigung sei im Islam «haram», also verboten. Oder die Vorwürfe seien Teil israelischer Propaganda. Inzwischen bestätigt ein Bericht einer von israelischen NGOs ins Leben gerufenen Untersuchungskommission das grosse Ausmass sexueller Gewalt – sowohl in den Tunneln von Gaza als auch bereits auf dem Gelände des Nova-Festivals. Das Fazit der zweijährigen Untersuchung: Sexualisierte Gewalt wurde systematisch und breit eingesetzt – gegen Frauen wie gegen Männer, als integraler Bestandteil der Kriegsführung.

Gleichzeitig berichtet der Journalist und Kolumnist der New York Times (NYT), Nicholas Kristof, von ähnlichen Mustern auf israelischer Seite. In seinem Artikel «Das Beschweigen der Vergewaltigungen von Palästinensern» lässt er 14 Zeuginnen und Zeugen zu Wort kommen. Sie schildern sexuelle Gewalt in israelischer Gefangenschaft. Kristof fasst seine Recherche so zusammen: In erschütternden Interviews hätten Palästinenser:innen von einem Muster weit verbreiteter sexueller Übergriffe berichtet – gegen Männer, Frauen und Kinder, verübt von Soldaten, Siedlern, Shin-Bet-Verhörbeamten und Gefängnispersonal.

«Verzerrte Lügen?»

Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Die Regierung Netanjahu und grosse Teile der israelischen Medien wiesen die Vorwürfe empört zurück und zeichneten ein klares Freund-Feind-Schema: hier die moralisch unantastbaren israelischen Soldaten, dort die «genozidalen Hamas-Terroristen». Netanyahu kündigte rechtliche Schritte gegen die New York Times an und sprach von «einer der abscheulichsten und verzerrtesten Lügen», die je über Israel veröffentlicht worden seien. Rund 200 Demonstrierende versammelten sich vor dem Verlagsgebäude – mit Plakaten wie «J’accuse» oder «When did the NYT become Der Stürmer».

Wer sich nicht auf eine der beiden Seiten schlagen will, erkennt ein bekanntes Muster. Sexualisierte Gewalt ist seit jeher Teil von Kriegen: von den japanischen Verbrechen an koreanischen Frauen über den Bosnienkrieg bis zu Ruanda und dem Kongo. Auch Abu Ghraib steht dafür. Und selbst im US-Gefängnissystem, das kaum wirksamer Kontrolle unterliegt, sind Vergewaltigungen endemisch – Schätzungen sprechen von bis zu 200’000 Fällen pro Jahr.

Gerade deshalb wäre Zurückhaltung im Urteil angebracht. Statt reflexhaft zu leugnen, sollten Vorwürfe sexueller Gewalt konsequent ernst genommen werden – unabhängig davon, von welcher Seite sie kommen. Das wechselseitige Zuschreiben solcher Verbrechen verkennt die Realität: Sexualisierte Gewalt ist kein Alleinstellungsmerkmal einer Seite, sondern ein wiederkehrendes Instrument entgrenzter Gewalt.

Unabhängige Untersuchungen

Die angemessene Reaktion liegt auf der Hand: unabhängige, internationale Untersuchungen. Gerade in einem derart polarisierten Konflikt wie der zwischen Israelis und Palästinensern wäre das ein Minimum an rechtsstaatlichem Anspruch.

Doch die Regierung Netanyahu hat wiederholt gezeigt, dass sie solchen Standards wenig Gewicht beimisst. Seit dem 7. Oktober 2023 haben ausländische Korrespondenten keinen freien Zugang zu Gaza. Wer Kristof mangelnde Belege vorwirft, sollte diese massive Einschränkung journalistischer Arbeit mitbedenken.

Ein Punkt übergeht die Kritik an Kristofs Text in der NYT. Gleich zu Beginn hält er fest: «Unabhängig davon, wie wir zum Nahostkonflikt stehen, sollten wir uns darin einig sein, Vergewaltigungen zu verurteilen.»

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