Auf Gratwanderung
Eine Stimmungskrise auf dem Arbeitsmarkt
Eine Stimmungskrise auf dem Arbeitsmarkt
Das Bild des „Berufswegs“ ist ein beschauliches. Denn ein Weg, ob sauber gepflastert oder nur getrampelt, geradlinig oder verschlungen, führt doch über kurz oder lang zum versprochenen Ziel. Wege sind beständig genug, um auf Landkarten verzeichnet zu werden und verfügen in der Regel solche Annehmlichkeiten wie den Wegesrand und den Wegweiser, die dem Wanderer Rast und Orientierung bieten.
Mit der Realität des Arbeitsmarktes der 2020er hat dieses Bild wenig zu tun. Wer sich heute um Stellen bewirbt, findet sich in einer Situation, die weniger einem freundlichen Wanderweg als einem messerscharfen, unstetigen Gebirgsgrat gleicht. Man kann gerade so einen Fuß vor den anderen setzen; links und rechts geht es abwärts. Wer irgendwo im Tal die falsche Route einschlägt oder zu lange in der Kälte stehen bleibt, ist aufgeschmissen. Das führt vor allem unter jungen Leuten zu glühender Frustration.
Zuletzt bekamen das Festredner an Universitäten in Florida, Tenessee und Arizona zu spüren, als ihre Vorhersagen einer KI-Revolution am Arbeitsplatz von Studenten ausgebuht wurden. Die negative Reaktion war kaum überraschend – würde man an der Zugspitze ein fremdes Biwak aufmachen und Lobreden auf ein aufziehendes Unwetter schwingen, bekäme man wohl die gleiche.
Schon seit einigen Jahren illustriert ein stetiger Fluss von Magazinstücken die andauernde Malaise auf dem Arbeitsmarkt. Im New York Magazine beschrieb Sarah Thankam Matthews den modernen Bewerbungsprozess kürzlich als „bizarres Demütigungsritual“, Anjli Raval schreibt in der in der Financial Times von einer „harschen“, Annie Lowrey im Atlantic von einer „höllischen“ Situation für Arbeitssuchende. In der New York Times sprechen Interviewteilnehmer von einem „rauen“, „unfairen“ und „betrügerischen“ Arbeitsmarkt. Im deutschen Feuilleton sind solche Stimmen noch selten zu lesen, aber wer sich für ein paar Stunden unter die lokalen Marktteilnehmer mischt, hört sie auch hier. Auf einer Jobmesse im Frühjahr sprachen Arbeitssuchende und Firmenvertreter gleichermaßen von einer zerfahrenen Lage: Die Letztgenannten brauchen Auszubildende für technische Berufe, die Erstgenannten sind oft ausgelernt und suchen Vollzeitstellen. Auf dem Arbeitsmarkt, wie in der Messehalle im Frankfurter Industriegebiet, kommt alles ins Stocken.
Der Ursprung dieser Situation entzieht sich einer einfachen Diagnose.
Viele Stellenanwärter richten ihre Frustration gegen einen zu ineffizienten Bewerbungsprozess. In einem kühlen Arbeitsmarkt ist das vielleicht zu erwarten – die Tatsache, dass man zu viel Zeit mit Bewerbungen statt mit produktiver Arbeit verbringt, ist ja gerade das Problem.
Aber die Firmen machen die Situation nicht besser. Seit der Pandemie haben viele ihre Einstellungsverfahren in Hinderniskurse verwandelt. Die größte Hürde sind Software-Systeme, die Lebensläufe und Anschreiben nach pseudowissenschaftlichen Kriterien bewerten und gegebenenfalls sofort aussortieren, ohne dass sie je ein Mensch zu Gesicht bekommt. Bewerber reagieren, indem sie ihre Unterlagen mit allen möglichen aufgeschnappten Tricks auf maschinelle Auslese optimieren oder gleich ganz vom Computer schreiben lassen [Schellmann]. Es ist ein Allmende-Problem: Der einzelne Betrieb oder der einzelne Bewerber würden von solchen entmenschlichten Methoden profitieren, aber zusammen verschränken sie sich in ein teures wie nutzloses Wettrüsten, von dem niemand als Erster abrücken will.
Ob die „KI-Revolution“ dauerhafte Einwirkungen auf die Einstellungschancen junger Leute haben wird, ist fraglich. Vorhersagen dieser Art werden zwar oft – wie an den genannten Universitäten – an zukünftige Arbeitnehmer addressiert, richten sich aber in Wirklichkeit an gegenwärtige Führungsriegen von Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Sie sollen die Auftragsbücher von KI-Anbietern füllen, für sie wird hier die alte Fantasie des mitarbeiterlosen Unternehmens heraufbeschworen. Aber diese Fantasie kann in den Händen eines empfänglichen Managers schnell sehr echte Einstellungsstopps auslösen oder zumindest rechtfertigen.
Beide Phänomene spielen sich in einem zunehmend düsteren Umfeld ab.
Die Zeit des Wirtschaftswachstums scheint vorbei zu sein: Mit Ausnahme des Corona-Jahrgangs hat niemand, der seit 2012 in Deutschland geboren ist, in seinem Leben ein Durchschnittswachstum von mehr als einem Prozent pro Jahr erfahren, jüngere tendenziell weniger. Viele Firmen stagnieren oder befinden sich in mehr oder minder kontrolliertem Rückbau – für Neueinstellungen gibt es dort keinen wirtschaftlichen Imperativ mehr.

Dazu kommt die flächendeckende Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse nach 1968. Arbeit im einundzwanzigsten Jahrhundert ist ein Flickenwerk aus befristeten Verträgen, Teilzeit, „Projektstellen“, „fest-freier Arbeit“, „Überbeschäftigung“ und ähnlichen Konstrukten, an dessen Nahtstellen man immer wieder zurück auf den Arbeitsmarkt geworfen wird [Boltanski/Chiapello]. An den Universitäten passiert das alle zwei oder drei Jahre, in der Gig-Economy wöchentlich oder stündlich, aber das Prinzip ist das gleiche. Deshalb konkurieren überall Fortgeschrittene um die sowieso knappen Anfängerstellen.
Unsere Erwartungen und Normen haben zu dieser neuen Realiät noch nicht aufgeschlossen. Jedes Jahr steigt eine neue Generation in kurzen Hosen und Turnschuhen in den Arbeitsmarkt ein, nur um auf vorhersehbare Weise steckenzubleiben.
Von der Politik gibt es dazu bisher keine ernsthafte Reaktion. Direkte Eingriffe in den Arbeitsmarkt, wie ein Verbot von Geisterstellen, eine Einschränkung maschineller Lebenslauf-Auslese, einem Recht auf Rückmeldung für Bewerber, oder einer Pflicht für Firmen, sich konstruktiv an der nächsten Stellensuche ihrer temporären Mitarbeiter zu beteiligen, scheinen undenkbar. Stattdessen träumen unsere Kanzler von „Wachstumsraten […] wie in den Sechzigerjahren“ und einer „vierten industriellen Revolution“ – mit anderen Worten von einer Rückkehr in die Ruhmzeiten des Nachkriegskapitalismus. Die Arbeitssuchenden von heute haben für solche Rückblicke keine Geduld mehr. Für sie geht es entweder vorwärts, oder ganz steil bergab.
Hilke Schellmann (2024): The Algorithm – How AI Decides Who Gets Hired, Monitored, Promoted, and Fired and Why We Need to Fight Back Now. Hachette Books, New York 2024, ISBN 9780306827365
Luc Boltanski, Eve Chiapello: The New Spirit of Capitalism. (orig. 1999 Le nouvel Ésprit du Capitalisme.) Erweiterte Neuausgabe 2018. Verso Books, London, ISBN 9781786633255