Heiliges Land, gesprengter Fels: Die Lakota und der «Schrein der Demokratie»

Vier Präsidenten blicken vom Mount Rushmore in die Weite Süd-Dakotas. Doch das Monument steht auf dem Land, das den Lakota geraubt wurde. Es erzählt im 250. Gründungsjahr der USA eine Geschichte, in der Freiheit mit der erbarmungslosen Gewalt gegen die Native Americans untrennbar ineinander verknüpft ist.

Delf Bucher

Vier Präsidenten blicken vom Mount Rushmore in die Weite Süd-Dakotas. Doch das Monument steht auf dem Land, das den Lakota geraubt wurde. Es erzählt im 250. Gründungsjahr der USA eine Geschichte, in der Freiheit mit der erbarmungslosen Gewalt gegen die Native Americans untrennbar ineinander verknüpft ist.

Alte weisse Männer machen Geschichte – nirgendwo ist das machtvoller in Szene gesetzt als in Mount Rushmore. Versteinert blicken einen die vier Präsidentenköpfe an, bilden das Vierergespann zu dem der weisse Durchschnittsamerikaner mit Ehrfurcht aufblickt. Viele erkennen in dem Monument  die Grösse der Nation, den «Schrein der Demokratie». Eine gute Kulisse, um so schwülstige Superlative aneinander zu reihen wie es Trump zum Auftakt der 250. Jahrfeier der USA, am 5. Juli 2026, über Lautsprecher verkündete. Die USA sei die « erfolgreichste, vollkommenste und aussergewöhnlichste Nation, die grösste Zivilisation der Menschheitsgeschichte».

Eigentlich war es ein Glücksgriff, dass das Team vom Trumps Eventplaner «Task Force 250» den Kickoff zum Jubiläum ausgerechnet am Fusse des Mount Rushmore platzierte. Nirgendwo kann die Zwiespältigkeit des amerikanischen Freiheitstraum symbolträchtiger inszeniert werden. Denn dies ist ein Schauplatz, in dem das in die US-Geschichte eingeschriebene Paradox kolonial und antikolonial gleichzeitig zu sein, eingeschrieben ist. Hier in den Blackhills wurde 1861 nach schweren Kämpfen zwischen den Lakota-Sioux und der US-Armee den Indigenen vertraglich das Land der Blackhills zugebilligt. Eine Dekade später kamen Goldsucher und bald darauf schiesswütige Regierungstruppen. Der Vertrag war wie Dutzende zuvor und danach Makulatur, reihte sich ein in die lange  Geschichte von Vertreibung, Landraub und Massaker. 

USA auf den Gräbern der Indigenen errichtet

Bittere Wahrheit ist auch, dass alle vier in den Heiligen Berg der Lakota mit Tonnen von Dynamit herausgesprengten Präsidentenköpfe allesamt eine Agenda haben, die tief verstrickt ist mit der Geschichte eines Ethnozids. Manche sprechen anbetracht der erschreckenden demographischen Daten von einem Genozid. Denn um 1500 lebten schätzungsweise fünf bis zehn Millionen Native Americans auf dem Territorium der heutigen USA. 1900 zählten die Behörden nur noch 237000 Menschen indianischer Herkunft, wie der Historiker Aram Mat­tioli  in seinem Buch „Verlorene Welten ausführt und konstatiert: «Die amerikanische Gesellschaft wurde auf den Gräbern von Hunderttau­senden von Indianerinnen und Indianern errichtet.»


Jeder der vier Präsidenten nimmt in dieser Entfesselung dieser Gewaltmaschinerie eine massgebliche Rolle ein. Schon bevor George Washington Präsident war, betätigte er sich als Landvermesser, parzellierte nach der europäischen Eigentumslogik indianisches Land.

Der nationale Gründungsheld Washington zeigte drei Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung hier seine ganze Härte und griff zum militärischen Mittel der verbrannten Erde: 1779 ließ er im Krieg gegen die Haudenosaunee/Irokesen Dörfer, Felder, Vorräte und Obstgärten zerstören, also systematisch die Lebensgrundlagen ganzer Gemeinden zu ruinieren und zwangTausende von Indigenen zur Flucht.

Ausgelöst wurde die militärische Kampagne  von den Konflikten zwischen Briten und den nach Unabhängigkeit strebenden Siedlern. Früh hatten die First People begriffen, dass die Briten Bündnispartner sein könnten, um den Expansionsdrang der Siedler zu bremsen und verbündeten sich deshalb mit ihnen. Die indianisch-britische Allianz erwähnt auch die Unabhängigkeitserklärung. Da ist von den „merciless Indian Savages“ gnadenlosen indianische Wilden die Rede, die der britische König Georg II. gegen die Siedler aufgestachelt hätte.

«No Taxation without colonialization»

Die historische Wahrheit, die sich hinter diesem rassistischen Framing kolonialistischer Expansion verbirgt, ist simpel: George Washington wie auch Thomas Jefferson hatten Interesse neue Gebiete jenseits der Appalachen zu erschliessen. Dies stand dem von Finanznöten geplagten  britischen Monarchen entgegen. Das klamme Königreich konnte sich nach dem Siebenjährigen Krieg keine grosse Truppenpräsenz in Amerika leisten und verhängte einen Siedlerstopp. In diesem Licht betrachtet kann man den Slogan der Teaparty-Revolutionäre «No taxation without representation auch umdeuten: «No Taxation without colonialization.»

Jefferson verkörpert den Januskopf der Aufklärung. Er schwankte zwischen echter intellektueller Wertschätzung indigener Gesellschaften und einem dezidiert Projekt der Umformung. Einerseits erkannte er in den First people die „edlen Wilden“.  Er las intensiv über nordamerikanische Indigene, korrespondierte mit Reisenden und Missionaren und sah in vielen Stämmen Beispiele für Mut und republikanische Tugenden. Gleichzeitig entwickelte er eine systematische „Jeffersonian Indian policy“, die auf Assimilation zielte: Indigene sollten sesshafte Landwirte werden, in ein marktwirtschaftliches System integriert und schließlich als Individuen amerikanische Bürger werden. Der Weg zur schleichenden Enteignung war vorgezeichnet und unter seiner Präsidentschaft verdoppelte sich das Staatsgebiet.

Dass sich auch Abraham Lincoln, dem der Nimbus des Sklavenbefreiers anhaftet, in den Fusstapfen seiner Vorgänger bewegt, gehört leider auch zur Wahrheit, die neben seinen Verdiensten nicht unerwähnt bleiben soll. Beim vierten Kopf, bei Theodor Roosevelt dagegen haben wir es mit einem ausgesprochenen Rassisten zu tun, was schon sein Ausspruch belegt: «Ich gehe nicht so weit zu sagen, nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer, aber das trifft auf 9 von 10 von ihnen zu.»

Mit dem Blick auf die vier Granitschädel von Mount Rushmore sagt denn auch der Native-American-Aktivist Nick Tilsen vom Stamm der Oglala Sioux: «Die wichtigste Botschaft, die wir die ganze Zeit zu vermitteln versucht haben, ist, dass der Mount Rushmore ein Symbol für weiße Vorherrschaft und rassistische Ungerechtigkeit in diesem Land ist und dass die vier in den Berg gemeisselten Gesichter die Gesichter von Kolonisatoren sind, die Völkermord an den indigenen Völkern begangen haben.»

Trump kennt diese Kritik und kontert ihr bei seiner Rede am 5. Juli: 
«Was diejenigen angeht, die marxistische Lügen über unser Erbe verbreiten, unseren Kindern erzählen, wir lebten auf gestohlenem Land oder unsere Helden seien Unterdrücker gewesen – sie tun etwas viel Schlimmeres, als nur unsere Vergangenheit zu verleumden. Sie verleumden und greifen unsere Zukunft an – das werden wir nicht zulassen.»

Den Stein des Anstosses kann auch Trumps noch so laut tönende Geschichtsfälschung nicht beiseite wischen. Er stand am 5. Juli auf verräterischem Terrain. An diesem von den  First people verehrten Heiligen Berg raunen es die uralten Geister einem zu: Die USA ist nicht auf leerem Land gegründet. Oder wie es der britisch-amerikanische Historiker Colin G. Calloway  formulierte: «Die neue Nation, die in einer blutigen Revolution geboren wurde und sich zur Expansion verpflichtete, konnte Amerika nicht als indianisches Land tolerieren.»

Warnhinweis zum Schluss!

Nirgendwo scheint es einem eine felsenfeste und unverrückbare Wahrheit  zu sein als in Mount Rushmore von «alten, weissen Männern» zu sprechen. Ich habe mich auch diesem Begriff bedient, möchte aber noch anmerken: In Umkehr von Goethes humanistischen Credo «Der Mensch sei edel, hilfreich und gut» , muss es realistisch heissen: «Der Mensch ist böse, gemein und fies.» Auch die Irokesen haben andere indigene Völker versklavt wie afrikanische Könige und arabische Sklavenhändler. Deshalb gilt es jeder Identitätspolitik mit einer universellen Moral entgegegenzutreten, die in die «sanfte Macht der Verträge» (Kant) mündet.

  • Christina Herbert-Fischer

    28.7.2026, 17:44

    Danke für den Beitrag.
    Als Kind hatte ich eine recht romantische Vorstellung von Natives, mit der Realität hatte die wenig zu tun. Sie führte jedoch dazu, dass ich die USA, ungefähr seit ich begonnen hatte Bücher zu lesen, für einen Schurkenstaat hielt.
    Die Erwachsenen nahmen das nicht ernst, für sie war Amerika die Schutzmacht und verkörperte Demokratie schlecht hin. Von Braun war der deutsche Held, der geholfen hatte Menschen auf den Mond zu bringen, eine Identifikationsfigur.
    Nun heute würde ich sagen, das war sehr passend und es gab ja auch noch die, für die mit aller Amerikabegeisterung der vaterlose Brandt ein Vaterlandsverräter war, der sich in Norwegen vom Dienst in der Wehrmacht gedrückt hatte.
    Tatsache ist, dass es sich um einen Genozid handelte, was die Ermordung ganzer nativen Volksstämme anging, ein Ethnozid was die erzwungene Entwurzelung anging, entführten Kindern, die in „Internaten“ ihre eigene Sprache nicht sprechen durften und ihren Traditionen entfremdet wurden.
    Der größte Verlust an indigenen Menschen ist jedoch eingeschleppten Krankheiten wie Masern und Pocken zuzuordnen, die weite Teile der indigenen Bevölkerung dahin rafften und ganze Landstriche entvölkerten.
    Das einzige „Gegengeschenk“ an Europa in dieser Kategorie war die Syphilis. auch das ist, sorry, sehr passend.
    Heute in Europa gibt es unter anderem im rechten esoterischen Milieu Plastikschamenen (Bezeichung der Indigenen zu diesen Leuten), die sich mit mit einem Nimbus zwischen Romantik und Spiritualität durch kulturelle Aneignung eine goldene Nase verdienen.
    Der Warnhinweis am Ende des Beitrags ist berechtigt, Natives sollten weder nur als Opfer stilisiert werden, noch sind oder waren sie je edle Wilde, es sind Menschen, wie du und ich, deren Rechte in Amerika, ihrem Land, mit Füßen getreten wurden und auch heute noch werden.

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