Wer hat Angst vor der AfD?

Hilde Schneider

Dass es neben dem Klimawandel auch noch andere Katastrophen gibt, die die Attraktivität unserer Zukunft schmälern, ist unbestritten. Angesichts der anstehenden Landtagswahlen im Osten ist es der Siegeszug der AfD, der Sorgen bereitet. In Sachsen-Anhalt könnte er dieser Partei die absolute Mehrheit bescheren – ein Horror-Szenario, von dem vor wenigen Jahren noch keiner zu träumen gewagt hätte, auch in den schlimmsten Alpträumen nicht. Wie es so weit kommen konnte?

Von einer Spaltung unseres Landes ist die Rede, aber welche genau ist gemeint? Die Spaltung in Ost und West? In Aus- und Inländer (- mit und ohne Migrationshintergrund), in Männer und Frauen, Heteros, Homosexuelle und Diverse, in Alte und Junge, Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete, in hart Arbeitende und Arbeitsverweigerer? Schließlich gibt es ja eine ganze Menge von Gräben, die sich durch unsere Gesellschaft ziehen. Jetzt aber ist die Rede von einem besonders tiefen, ja unüberwindlich scheinenden Graben, der das Land in zwei Lager spaltet – in die Wählerschaft demokratischer Parteien und die der AfD.

Im Gespräch unter Freund*innen ging es kürzlich darum, wie man potentielle Wähler*innen dieser aufstrebenden rechten Partei, die ja – wie eingewendet wurde – nicht nur dem rechts- radikalen sondern auch dem rechtskonservativen Spektrum zuzurechnen seien, in die Arme der demokratischen Parteien zurückholen könne. Wie könnte eine erfolgversprechende Strategie aussehen?

Ich glaube, dass es in diesem Zusammenhang nicht um wahltaktische Strategien gehen kann. Sondern vielmehr um eine Rückbesinnung auf die zentralen Werte, die den Wesenskern demokratischer Parteien ausmachen sollten. In diesem Sinne müsste es unseren Altparteien also eher um eine klare Positionierung und um eine Betonung dessen gehen, was sie von der AfD unterscheidet, als darum, sich rechte Themen mehr oder weniger klammheimlich selbst anzueignen – entsprechend „demokratietauglich“ umformuliert, versteht sich .
Wenn schon von einer „Brandmauer“ die Rede sein muss, dann sollte es eine sein, die klar benennt, was Demokraten und Antidemokraten wertemäßig voneinander trennt.

Dass ein Wandel im Gange ist, der mit tiefgreifenden Veränderungen in unseren Lebensgewohnheiten einhergehen wird, ist unübersehbar. Aber was an unnötigem, ja schädlichem Ballast sind wir bereit abzuwerfen, damit wir auch in Zukunft noch ein gutes Leben führen können? Und, last not least: wie sieht so ein gutes Leben für uns aus, was sollten unserer Meinung nach seine wesentlichen und unverzichtbaren Grundzüge sein?

In einem Beitrag für den Deutschlandfunk erklären die Schriftstellerin Barbara Sichtermann und der Dokumentarfilmer Simon Brückner, die Rechte sei jetzt zwar da (beziehungsweise wieder zurück), sie habe aber keine Gesellschaftstheorie im Gepäck. Für ihre Wählerschaft sei das allerdings nicht von Belang, der gehe es nämlich gar nicht um Gesellschaft, sondern vielmehr um Gemeinschaft – für sie Dreh- und Angelpunkt eines guten Lebens.

Das allein ist allerdings noch kein Unterscheidungsmerkmal.
Denn Zugehörigkeit zu einer Gruppe, mit der man sich identifizieren kann und will, ist für die meisten Menschen zentrale Bedingung für ein gelingendes Leben; auch für linksliberale Teile der Gesellschaft ist Gemeinschaft deshalb ein elementarer Wert. Der Graben tut sich jedoch dann auf, wenn es darum geht, wie dieser Wert umzusetzen sei: für die einen nämlich durch Abgrenzung von allem als bedrohlich empfundenen Fremden und Andersartigen, für die anderen dagegen durch Integration, Universalismus und internationale Solidarität. Dasselbe angestrebte Ziel soll also auf zwei diametral entgegengesetzten Wegen erreicht werden.

Warum aber befindet sich das rechte Verständnis von „Gemeinschaft“ derzeit wieder auf der Überholspur? Und das, obwohl die angestrebte Ausgrenzungsgesellschaft sich an ein Vorbild anlehnt, das ja bekanntermaßen katastrophal gescheitert ist: die nationalsozialistische Volksgemeinschaft.

Dazu gibt es die unterschiedlichsten Erklärungsversuche, von Politikverdrossenheit und Unzufriedenheit mit der politischen Klasse über wachsende soziale Ungleichheit und schwindende Zukunftsperspektiven bis hin zur derzeit herrschenden ökonomischen Krise. In einem kürzlich erschienenen Artikel in der Taz verweist der österreichische Publizist Robert Misik darüber hinaus auf den Ansteckungseffekt, der von einer „Stimmung der Gekränktheit, der Angst und des Ressentiments“ ausgehe und der durch autoritäre Agitation zusätzlich verstärkt werde. Speziell auf die Stimmung In Ostdeutschland bezogen schreibt er:

„Der Ossi ist in dieser Rhetorik (rechter Propaganda) der gleichsam idealtypische „kleine Mann“, der stets nur Opfer der Geschichte ist. (…) Wo jeder dritte, vierte Nachbar AfD wählt, verändert sich das soziale Klima. Ressentiments müssen nicht mehr heimlich geäußert werden. Wo man früher mit Widerspruch rechnete, erwartet man heute Zustimmung. Und mit jeder Interaktion kommt das Ressentiment lauter zurück. (…)
Autoritäre Weltbilder breiten sich aus wie „Infektionen“ – in Netzwerken, in Regionen, dort wo Menschen starken Kontakt mit rechter Ideologie haben.“

Was meiner Meinung nach sehr für Misiks Analyse spricht, ist die vorhergesagte Unausweichlichkeit der weiteren Entwicklung. Ob die AfD in Sachsen-Anhalt nun die absolute Mehrheit holen oder „nur“ stärkste Partei werden wird – sie ist jedenfalls auf dem Vormarsch und aus unserer politischen Realität nicht mehr wegzudenken. Und wie eine ansteckende Krankheit breitet sie sich immer weiter aus. Wir müssen deshalb dringend nach Strategien suchen, damit wir der der wachsenden Gefahr etwas entgegenzusetzen haben. Natürlich – die sauberste Lösung, der klarste Schnitt wäre für viele AfD- Gegner*innen das Parteiverbot. Aber wenn das unter den gegebenen Umständen durchgesetzt werden soll, ist von jahrelangen Verfahren auszugehen. Und auch die Faschisierung der Gesellschaft könnte dadurch wohl kaum gestoppt werden.

Jetzt muss es auf jeden Fall darum gehen, das Ausmaß weiterer Ansteckung zu begrenzen. Keine einfache Aufgabe, denn die AfD setzt vermehrt darauf, ihre Inhalte in den sozialen Medien von Influencern teilen zu lassen und nutzt somit wie keine andere Partei Marketingstrategien für die politische Kommunikation.

Vor allem für Heranwachsende kann die rechte Agitation auf den Plattformen der sozialen Netzwerke gefährlich werden; im Gespräch mit einem 15jährigen Jungen aus meinem persönlichen Umfeld konnte ich kürzlich erleben, welche Wirkung solche dort verbreiteten und geschickt verpackten rechten Einflüsterungen auf Jugendliche haben können. Anlass zu unserem Gespräch gaben die Liedtexte einer Deutschrapperin; für die einen ist sie eine feministische Ikone, für die anderen schlichtweg Provokation. Der Junge jedenfalls fand ihre Texte respektlos, die Inhalte offensiv gegen Männer gerichtet und ganz offensichtlich fühlte er sich dadurch persönlich angegriffen. Einerseits fand ich das verständlich, war der Junge doch selber grade im Begriff, zum Mann zu werden und entsprechend auf der Suche nach einem angemessenen Rollenbild. Unverständlich aber war die Wut, mit der er verbal auf die Rapperin eindrosch und dabei Formulierungen benutzte, die sich nach dezidiert antifeministischer Hetze anhörten. Ich kenne diesen Jungen von Kindesbeinen an und mir war deshalb klar, dass solche Formulierungen nicht auf seinem eigenen Mist gewachsen sein konnten. Später im Gespräch hat sich dann auch herausgestellt, dass er sie in den sozialen Netzwerken aufgeschnappt hatte, dass dort also rechte „Aufklärungsarbeit“ geleistet worden war.

Wohlgemerkt: dieser Junge wird erst in drei Jahren zum ersten Mal zur Wahl gehen; in den derzeitigen Wahlumfragen mit ihrem hohen Anteil an AfD Wählern schlägt er also noch nicht zu Buche. Wenn wir aber wollen, dass er den Rattenfängern nicht weiter folgt, täten wir gut daran, verstärkt darauf zu hören, was solche Jugendliche umtreibt. Der Konfrontation mit ihnen sollten wir nicht aus dem Weg zu gehen und darauf hinwirken, dass auch im Schulunterricht mehr Auseinandersetzung mit den Meinungsmacher*innen auf den Internetplattformen stattfindet. Die Möglichkeit der Einflussnahme auf unsere Kinder und Enkel sollten wir nutzen, damit auch kommende Generationen noch die Chance auf ein Leben in Demokratie haben.

Was dagegen den politischen Austausch mit überzeugten AfD-Anhänger*innen betrifft – anders formuliert: das Gespräch mit ihnen – so halte ich das für zwecklos. Was diese Mitbürger*innen für Fakten halten, das sind für uns Fake News – und umgekehrt. Zu was kann ein so ein Austausch führen, außer zu einem verbalen Schlagabtausch? Also – geschenkt.

Wie bereits gesagt – ich plädiere stattdessen dafür, dass die Parteien der Mitte als Gegenmaßnahme an ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten und sie zu optimieren suchen. Statt demokratische Werte wie Gleichheit, soziale Ausgewogenheit, Minderheitenschutz und Toleranz in erster Linie im Munde zu führen, sollten sie diese überzeugt und überzeugend in die Tat umsetzen. Durch gerechtere Besteuerung, zum Beispiel. Oder dadurch, dass die Möglichkeiten von Integration und politischer Teilhabe konsequenter gefördert und ausgebaut werden. So dass gemeinwohlorientiertes Denken und Handeln an die Stelle von Wettbewerbs- und Ellenbogengesellschaft treten kann. Und so, dass jeder, der auf der Suche nach Gemeinschaft ist, sie in unserer demokratischen Gesellschaft auch findet.

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Robert Misik, Der affektive Furor der Gekränkten, Taz 20.8.26

Barbara Sichtermann und Simon Brückner, Aufstieg der Populisten, Deutschlandfunk 26.7.2026

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