Endspiele

Peter Conzelmann

Beim Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft vor ein paar Wochen kam es zu unschönen Szenen. Gesetzt, dass es stets die Mannschaften ins Finale schaffen, die über den Verlauf des Turniers sich als die besten erwiesen haben, konnte man sich auf ein spannendes Kräftemessen freuen. Und so zeigten auch beide Teams – repräsentativ für ihren jeweiligen Kontinent: die Argentinier für Südamerika, die Spanier für Europa – durchaus ihr hohes Können. Obwohl sich die Spanier dabei über weite Strecken als spieltechnisch überlegen zeigten, wogte das Match lange hin und her, denn die Argentinier hielten gut dagegen. Erst in der Schlussphase gelang schließlich den Spaniern der eine, der erlösende Treffer, der zum Sieg reichte.

Doch schon zuvor war eine übermäßige Härte in die Begegnung geraten. Die verstärkte sich nach dem 1:0 noch und eskalierte schließlich in wüsten Tätlichkeiten nach Spielende. Die Argentinier, denen offensichtlich klar wurde, dass sie die Spanier mit spielerischen Mitteln nicht bezwingen konnten, wandten robustere Methoden an. Sie schalteten in einen Modus, den viele Mannschaften auf der Welt wählen, wenn sie auf einen besseren Gegner treffen. In diesem Modus gehören dann auch Provokationen verbaler und körperlicher Art, taktische Fouls, exzessiv angewandte „Blutgrätschen“ und Aktionen bis hin zur sogenannten „Notbremse“, das ständige Reklamieren beim Schiedsrichter, außerdem Unsportlichkeiten wie angebliche Fouls („Schwalben“), das Kneifen und Boxen in Körperteile der gegnerischen Spieler sowie das Ziehen an deren Trikots und Haaren zum Repertoire. Nicht schön, aber oft wirksam, wenn sich die andere Mannschaft auf diese Weise einschüchtern und der Schiedsrichter sich unter Druck setzen lässt. Ansage: „Gepflegtes Spiel nein danke, jetzt wird um jeden Quadratzentimeter gekämpft!“

Dieser simple Dualismus „Spielen wir nach den Regeln oder kämpfen wir mit allen Mitteln gegeneinander?“, so fragwürdig er im Sport ist, kann auch die Grundfrage für die Politik in einem liberalen System sein. Wie sollen die zur Wahl stehenden Akteure miteinander umgehen? Respektieren sie zuvörderst, dass es in allen Fragen der Weltanschauung oder Ideologie sowie bei allen Sachfragen unterschiedliche Haltungen und Meinungen geben kann? Sind sie bereit, auf der Sachebene zu diskutieren und auch sachlich zu bleiben? Setzen sie sich – Jürgen Habermas wies in seinem Spätwerk den Weg in die deliberativen Verfahren – nur mit den Argumenten der Gegenseite auseinander und akzeptieren sie, wenn die andere Seite die besseren Argumente hat? Oder wechseln sie in den Kampf-Modus, wo es nur noch darum geht, den politischen Gegner vor den Augen des Publikums zu diskreditieren? Ist das Ziel vor allem, die Opponenten zu delegitimieren, ihnen auch die Politik- oder die Demokratiefähigkeit abzusprechen, sie rundweg zu dämonisieren? Ist am Ende nicht nur der politische Gegner der Reibungspunkt, sondern soll das gesamte liberale System der offenen Debatte in Frage gestellt werden?

Wie so etwas funktioniert, demonstrierte aktuell der amtierende US-Präsident Donald Trump. Auf einer aus Anlass der bevorstehenden Midterms-Wahlen veranstalteten, „Parteitag“ genannten Polit-Show der US-Republikaner bezeichnete er wahrheitswidrig, ohne jeden Beleg und auf seine bekannt vulgäre Art die demokratische Partei als „Kommunisten“, die es unter allen Umständen von der Macht im Staate abzuhalten gelte. Assistiert wurde er von seinem nicht minder rhetorisch aggressiv auftretenden Vize-Präsidenten James David „J. D.“ Vance. Vance behauptete unter anderem, die Demokraten seien eine „Gruppe verrückter Leute“ und ein „Partei des Hasses“, die Amerika und die Menschen, die das Land aufgebaut haben, zutiefst verachten würde. Wenige Tage vor dem Jahrestag von 09/11 behauptete er zudem, in den Reihen der Demokraten gebe es Politiker, die Mitgefühl zeigen würden für die Terroristen, die am 11.09.2001 die Anschläge in den USA mit vielen tausend Toten verübt hatten.

Trumps Debattenstil ist, selbst innerparteilich, vom Beginn seines Einstiegs in die Politik darauf angelegt, jederzeit, wenn er es für geboten hielt, mit dem Maximum an verbaler Aggression aufzutreten. Dabei wird auch vor groben und gröbsten Beleidigungen und selbst vor dreisten Lügen und anderen Wahrheitsverdrehungen („alternative facts“) nicht zurückgeschreckt. Vor allem dann, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt. Oder wenn, wie aktuell, seine Umfragewerte beim heimischen Publikum vor dem Hintergrund steigender Preise und eines unpopulären Kriegs gegen den Iran in den Keller gehen.

Der deutlich jüngere Vance (geboren 1984) hat hingegen eine andere Entwicklung hinter sich als der Sohn eines erfolgreichen und wohlhabenden New Yorker Immobilienmoguls und zeitweiser Star einer Reality-Show. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend wurde Vance einer breiteren Öffentlichkeit als Autor bekannt, vor allem mit der national und auch international viel beachteten, sozialkritischen Autobiografie „Hillbilly Elegy“. Zunächst ein Gegner von Trump wandelte er sich, auch getragen durch das Engagement des deutsch-amerikanischen Investors Peter Thiel, zu dessen Anhänger und schließlich politischem Partner, der seinem Präsidenten in nichts nachstehen will. Vance politische Karriere erfolgte im Eilzugtempo, und es gilt als ausgemacht, dass er sich als Nachfolger Trumps um das Präsidentenamt positionieren will.

Beide, Trump und Vance, verhalten sich – der robuste Vergleich sei erlaubt – in der aktuellen politischen Lage wie die argentinische Mannschaft im Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft. Es wird kein Dialog gesucht, schon gar kein politischer Kompromiss, vielmehr wird nach Kräften ausgeteilt, und es werden Gräben aufgerissen.

Wobei man dem Begriff „Endspiel“ im Zusammenhang mit jüngsten Äußerungen von Vance eine noch andere Bedeutung unterlegen könnte. Anfang September 2026 erklärte der konvertierte Katholik in einem christlichen Podcast, dass er mit einem baldigen Weltuntergang kein Problem hätte, solange er, Vance, dabei „Gottes Werk“ verrichte. Er betonte, es würde ihn nicht schockieren, wenn die Menschheit bereits in dieser Phase lebe oder der Antichrist (zum Beispiel die demokratische Partei und alle als „Kommunisten“ Gebrandmarkten) schon unter uns weile. Hierbei dürfte der ebenfalls auf die Endzeit sowie auf biblische Figuren wie den Katechon oder den Antichristen fixierte Peter Thiel als Stichwortgeber mit im Raum gestanden haben.

Der in der rechten Szene herumgeisternde Begriff „Katechon“ (griechisch für „der Aufhalter“) geht zurück auf den Apostel Paulus, der ihn im zweiten Brief an die Thessalonicher erwähnt. Der Katechon wird beschrieben als eine Kraft, die verhindert, dass das absolut Böse, personifiziert durch den Antichrist, die Welt vollständig beherrscht, bevor dieser wiederum final durch den wieder auftretenden Christus vertrieben werde. Erst wenn der Katechon weicht bzw. weichen müsste, bricht das Ende der Welt an. In eben der Rolle des Katechon sieht sich Vance und große Teile der rechten Bewegungen in und außerhalb der USA. Der Katechon ist somit ein theologisches Versatzstück, das verdeutlicht, warum Akteure wie Vance politische Macht als eine Kraft versteht, die das Böse in der Welt zurückdrängen muss, bevor die Endzeit anbricht. Dieser Kraft muss alles erlaubt sein, um das Weltende aufzuhalten.

Dass die AfD von Trump und Vance sowie von Thiel und auch dem expliziten Trump-Unterstützer Elon Musk viel Publicity-trächtige Unterstützung erhält, ist bekannt. Dass der Beifall von dort nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt groß war, kann daher wenig überraschen. Ebenso wenig, dass im Gegenzug die AfD an Spitze und Basis zu den Bewunderern Trumps und seiner MAGA-Bewegung gehört. Für Alice Weidel, Tino Chrupalla, Ulrich Siegmund und Co. ist Sachsen-Anhalt nun der Auftakt zu einem Endspiel nach ihren Vorstellungen. Auch wenn die religiöse Inbrunst eines Vance fehlt, so sehen sie sich doch auch in der Rolle eines Exorzisten, dessen Aufgabe es ist, die bösen Mächte in Berlin aufzuhalten, besser noch zu vertreiben – und mit ihnen das „System“, das die bösen Mächte in ihren Augen zum Instrument gemacht haben.

Die in der Nachkriegszeit eingeübten Regeln der politischen Auseinandersetzung gelten nichts mehr. Daran würde, so ist zu befürchten, auch eine neuerliche Diskussion um ein Parteiverbotsverfahren nichts ändern. Das aber wird die Aufgabe für alle politische verantwortlich Handelnden sein: Den Rahmen für Fairness und Sachlichkeit in der Auseinandersetzung über die Vorgänge in Sachsen-Anhalt hinaus zu gewährleisten.

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Im Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft geht es um sehr viel. Es ist das mit Abstand wichtigste Match, das diese und überhaupt jede andere Sportart zu bieten hat. Es findet statt vor einem in Milliarden zählenden Publikum. Ruhm und Ehre denjenigen, die als Sieger das Spielfeld verlassen, Trauer und Niedergeschlagenheit dem Verlierer. Verständlich, wenn die Emotionen in einer solchen Partie ein anderes Gewicht haben als in einem x-beliebigen Liga-Match.

Dennoch haben die Argentinier eine rote Linie überschritten. Sie haben sich mit ihrem Verhalten ins sportethische Abseits bewegt. Bis auf die Öffentlichkeit in ihrem Heimatland war sich die globale Fußballgemeinde darin einig, dass die Argentinier sich als äußerst schlechte Verlierer gezeigt haben. Viele forderten eine harte Bestrafung der argentinischen Spieler, die ihre spanischen Kontrahenten nach dem Schlusspfiff tätlich angriffen. Manche forderten gar den Ausschluss der Mannschaft bei den kommenden Weltmeisterschaften.

Auch wenn die von Trump-Freund Gianni Infantino geführte FIFA wenig Neigung zeigt, Konsequenzen zu ziehen: Ein Imageschaden für das argentinische Team, der für lange Zeit haften bleiben dürfte.

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James David (J. D.) Vance, Hillbilly Elegy, Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Übersetzung Gregor Hens. Ullstein, Berlin 2017

Abbildung: President Donald J. Trump accepts a soccer ball from FIFA President Gianni Infantino at a dinner with Global Chief Executive Officers Tuesday, Jan. 21, 2020, at the Davos Congress Centre in Davos, Switzerland (Ausschnitt). Official White House Photo by Shealah Craighead, Quelle: Wiki-Commons.

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