Der Film, der Israel den Spiegel vorhält
Der Dokumentarfilm «Naza» über Israels KI-gestützte Tötungslogik im Gaza-Krieg sorgt in Venedig für stehende Ovationen – und in Israel für einen Sturm der Entrüstung. Die Macher werden als Landesverräter beschimpft, während eine neue Umfrage zeigt: Auf palästinensischer Seite wächst der Wille zum Frieden.
Der Dokumentarfilm «Naza» über Israels KI-gestützte Tötungslogik im Gaza-Krieg sorgt in Venedig für stehende Ovationen – und in Israel für einen Sturm der Entrüstung. Die Macher werden als Landesverräter beschimpft, während eine neue Umfrage zeigt: Auf palästinensischer Seite wächst der Wille zum Frieden.
Fünfundzwanzig Minuten stehen Yuval Abraham und Rachel Szor auf der Bühne des Filmfestivals in Venedig. Die Standing Ovations für ihre Filmdoku «Naza» wollen nicht enden. Die beiden Filmschaffenden schauen etwas betreten drein. Der tosende Beifall, in dem die Schreibtischtäter des Massenmords in Gaza freimütig über das Massakrieren in Zeiten von KI reden, ist ihnen sichtlich unbehaglich. Sie wissen: Der stürmische Applaus wird ihnen in der israelischen Heimat als Nestbeschmutzung, als Landesverrat, als jüdischer Selbsthass ausgelegt. Vielleicht wird das Haus der Mutter von Yuval Abraham wieder vom rechtsradikalen Mob belagert, wie damals, als er den Goldenen Bären zusammen mit seinem Kollegen Basel Adra «No Other Land» auf der Berlinale erhielt.
Codewort «Naza»
Die schattenhaften Gesichter von 24 Informanten – Soldaten und Angehörigen aus der Geheimdienstszene – werden vor der Kulisse der Hochhäuser von Tel Aviv auf einem Dach gefilmt. Sie sprechen mit verzerrter Stimme über ihren Job im Gaza-Krieg. Dort haben sie die Ziele auszumachen, um die KI-basierte Tötungsmaschinerie mit Drohnen und Kampfjets in Gang zu setzen. Bald gehörte für sie das Wort «Naza», was auf Hebräisch «Kollateralschaden» bedeutet, zu ihrem täglich gebrauchten Jargon.
«Naza» ist das Code-Wort, das vom israelischen Geheimdienst verwendet wird, um anzugeben, wie viele Zivilisten bei einem Luftangriff auf den Gazastreifen voraussichtlich ums Leben kommen werden. In den engen Häuserschluchten von Gaza ist es unvermeidlich, dass die Zivilbevölkerung todbringend in Mitleidenschaft gezogen wird. Die israelischen Streitkräfte zielen bevorzugt nachts auf Hamas-Terroristen in deren Häusern – und wenn diese mit ihrer Familie oder in dicht besiedelten Stadtvierteln leben, ist das eben Pech. Einem Informanten zufolge wurde einmal die Genehmigung erteilt, für ein Hamas-Mitglied 500 «NAZA» zu töten, also 500 Zivilisten.
«Wie ein Videospiel»
Bei der Pressekonferenz in Venedig schilderte Abraham das Vorgehen bei den Interviews so: «Wir haben diese Offiziere und Soldaten einfach gebeten, uns zu schildern, was sie getan haben.» Viele gestanden ein, es sei für sie gewesen, «wie ein Videospiel, weil alles aus der Ferne erledigt wird.» Andere betonten freimütig, dass das Ganze für sie «wahnsinnig unterhaltsam» gewesen sei. Die von KI generierten Zieldatenbanken schafften für sie eine digitale Umgebung wie in einem Game. Andererseits arbeiten manche auch an umfangreichen KI-Systemen, die so gut wie nie einer menschlichen Überprüfung unterzogen werden.
Eine von den Journalisten gestellte Frage wird den Film begleiten und ihm etwas von seiner Glaubwürdigkeit nehmen. Die gefilmten Schattengestalten sind anonymisiert, ihre Stimmen verändert. Anders wäre es zu diesen Zeugenaussagen nicht gekommen. Andererseits hat der Guardian als Mitproduzent des Films etliche der Testimonials mit einem Investigativ-Team gegengecheckt. Vieles wiederum ist zudem der informierten Öffentlichkeit durch die unzähligen Posts von Soldatinnen und Soldaten auf den sozialen Medien bekannt.
Kein Pass für «Landesverräter»
Die politischen Reaktionen in Israel liessen nicht lange auf sich warten. Der rechtsradikale, auch für rassistische Äusserungen bekannte Kulturminister Miki Zohar forderte, Abraham und Szor die Staatsbürgerschaft zu entziehen, während der Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir die Ausreise der Regisseure verlangt. Und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagt das, was er immer seinen Kritikern entgegenhält: Er sprach von «antisemitischer Hetze». IDF-Generalstabschef Eyal Zamir vergleicht hingegen den Film mit Ritualmordlegenden und will gegen den Film juristisch vorgehen.
Auch der ehemalige Premierminister Naftali Bennett schliesst sich der Kindermordlegende an. Immerhin kommt von ihm ein bedenkenswerter Einwand. Der Krieg sei schrecklich, jedes getötete Kind eine Tragödie. «Aber ein schrecklicher Krieg ist kein Völkermord.» Bei der Pressekonferenz spricht Yuval Abraham wohl nur von systematischem Morden. In Interviews verschärft er indes die Tonart mit der Bewertung des Gaza-Kriegs als Völkermord. * Vielleicht steht dieser provokative Begriff seiner Absicht entgegen, die er mit dem Film verfolgt: die israelische Öffentlichkeit wach zu rütteln, sie zu konfrontieren mit den blutigen Tatsachen des Rachefeldzugs gegen die Bewohner von Gaza.
Alle Palästinenser sind Terroristen
Dass der Film die israelische Öffentlichkeit so emotionalisiert, beweist der linksliberalen «Haaretz» den heuchlerische Umgang mit den Kriegsverbrechen in Gaza: «Die Israelis haben kein Problem damit zu sagen: «In Gaza gibt es keine Unschuldigen», aber wenn in Venedig ein Film gezeigt wird, der offenbart, dass die IDF so kämpft, als gäbe es in Gaza keine Unschuldigen, betrachten sie dies als Unterstützung des Feindes.» Sprich: Pauschale Tötungsphantasien gegen Palästinenser sind in Israel erlaubt, aber bitte schön nichts davon im Ausland verlauten lassen.
Diese Einschätzung teilt auch die erfahrene Nahost-Expertin des Schweizer Radios und Fernsehens SRF, Susanne Brunner: Seit dem 7. Oktober 2023 habe sich in grossen Teilen der israelischen Gesellschaft ein Stereotyp unverrückbar herausgebildet: «Ein Palästinenser ist ein Terrorist. Egal ob Kind, Frau oder Mann.» Oft hat sie sich in Diskussionen folgenden Satz anhören müssen: «Ein Kind im Gazastreifen zu töten, das ist legitim, weil es ja eh zum Terroristen erzogen wird.» Diesem folgt übrigens die Killing-Kalkulation des «Naza»-Konzepts. Kindern als potenziellen Opfern einer militärischen Operation wird kein Sonderstatus eingeräumt. Ein Kindergarten mit 100 Kindern ist so 100 Erwachsenen gleichgestellt.
Bewaffneter Widerstand diskreditiert
Trotzdem sollte eines nicht übersehen werden: Die beiden «Naza»-Macher sind keine Ausnahmegestalten. Denn viele Israelis engagieren sich zivilgesellschaftlich gegen das immer mehr zu Rassismus und militärischer Gewalt zuneigende Netanjahu-Regime. Das zeigt sich auch in der Solidarität mit den als Landesverräter verfemten Filmschaffenden Abraham und Szor. Unmittelbar nachdem die Diffamierungskampagne gegen die beiden einsetzte, unterstützten mehr als 1000 israelische Filmschaffende mit einer Petition die Macher des Films «Naza». Ohne Umschweife verteidigt die Petition die künstlerische Freiheit: «Die zentrale Aufgabe von Kunst und Journalismus besteht darin, der Gesellschaft, in der sie existieren, einen Spiegel vorzuhalten.»
Was hier vielleicht ebenso interessiert, aber kaum mit Gewissheit gesagt werden kann: Wie stark ist auf der anderen Seite bei den Palästinensern der Hass gegen Israel, der Unwille zur friedlichen Koexistenz verbreitet? Dabei hat der 7. Oktober 2023 illusionslos der Welt vorgeführt: Die Hamas-Anhänger sind getrieben von genozidalen Horrorvisionen. Auf der anderen Seite zeigt sich ein positiver Umschwung im Meinungsbild der palästinensischen Bevölkerung in Gaza und der Westbank. In einer aktuellen von der Friedrich-Ebert-Stiftung mitfinanzierten Umfrage sehen 55,8 % der Palästinenser friedliche Verhandlungen als den besten Weg an, um Fortschritte für ihre Lebenssituation zu erreichen. Damit hat sich das Lager der Friedwilligen fast verdoppelt gegenüber September 2023. Damals lag der Anteil nur bei 28 %.
*Der Begriff Genozid in Zusammenhang des Gazakriegs ist emotionell vor allem in Israel aufgeladen. Wenn ich auch den Völkermord-Vorwurf, der Argumentation des israelischen Genozid-Forschers Omer Bartov folgend, begründet findet, scheint es mir besser von systematischen Kriegsverbrechen zu sprechen. Hier verkämpft sich die Debatte nicht sogleich an der Begriffdefinition und kann so hoffentlich kommunikativ zu einer besseren Diskussionskultur beitragen.