„Lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein Illtum“
Diese Zeilen stammen aus dem sprachspielerischen und inzwischen schon klassisch zu nennenden Gedicht „Lichtung“ des österreichischen Poeten Ernst Jandl (1925 – 2000). Es erschien 1966 in dem Gedichtband „laut und luise“, fand Eingang in den Deutschunterricht, und es wird seither auch immer wieder gerne in den Kommentaren der Medien zitiert, wenn es um bestimmte Phänomene im rechten und/oder linken politischen Spektrum geht, insbesondere dann, wenn ideologische Frontlinien verrutschen oder verschwimmen. Was vielleicht auch an der mangelnden Trennschärfe auf Seiten der Kommentatoren liegen könnte.
Dass das Jandlsche Zitat an dieser Stelle einmal mehr verwendet wird, hat aktuelle Gründe. Denn niemand anderes als die Publizistin Alice Schwarzer beklagt die Neigung, links und rechts eben doch zu verwechseln. In ihrem jüngsten Beitrag unter dem Titel „Frankreich: Unheilvolle Allianz“, erschienen mit Datum vom 19. Oktober 2026 im Magazin „Emma“, wird sie schon einleitend deutlich:
„In Frankreich gehen verhetzte junge Migranten mit Linksradikalen auf die Straße. Man soll das immer noch nicht sagen dürfen, sonst ist man „rechts“. Aber es ist höchste Zeit für Klartext!“
Denn rechts, das will Alice Schwarzer sicherlich nicht sein. Aber sagen, was ist.
Dass die legendäre „Emma“-Herausgeberin, in der Redaktion kurz „Chef“ genannt, angesichts der jüngsten Unruhen in Frankreich „junge Migranten“ im Verbund mit Linken ins Visier nimmt, ist einer der Gründe, warum ihr die Tageszeitung „taz“ keine Kränze flicht, nachdem bekannt wurde, dass das 1976 von Alice Schwarzer und einige Mitstreiterinnen gegründete Magazin von Frauen für Frauen in diesem Dezember zum letzten Mal erscheinen soll. Die Überschrift des „taz“-Beitrags von Carolina Schwarz vom 21. Oktober 2026 gleicht daher einem Stoßseufzer:
„Die Emma wird eingestellt, endlich“
Deren Herausgeberin Alice Schwarzer wird zur Last gelegt:
„Möchte man ihre politische Haltung zusammenfassen, weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Bei ihren transfeindlichen Positionen oder ihren rassistischen Stereotypen über migrantische und vor allem muslimische Männer? Bei ihren einseitigen Haltungen zu Pornografie, Prostitution und Kopftuch? Bei ihrer realitätsverdrehenden Haltung zum Ukrainekrieg? Bei ihrer rechtsoffenen Haltung?“
Genügend Anklagepunkte also, die in Summe darauf hinauslaufen, Alice Schwarzer mindestens dort zu verorten, wo Sarah Wagenknecht mit dem BSW steht, einer Partei, die sich in Sachsen-Anhalt „rechtsoffen“ zeigt und den Schulterschluss mit der AfD sucht? Oder gleich in der Nähe von Alice Weidel und der AfD? Müsste aber Carolina Schwarz, wenn sie schon die politische Haltung von Alice Schwarzer zusammenfassen möchte, nicht bei dem anfangen, wofür diese in allererster Linie bekannt wurde: der Emanzipation, einer Idee und einem Projekt, das sicher nicht auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu suchen ist?
Alice Schwarzer hat in der Tat viele biedere Linke vor den Kopf gestoßen. Ihre Auftritte zusammen mit Sarah Wagenknecht waren gespenstisch. Kann man bei der Renegatin der Linkspartei und Gründerin des BSW in Sachen Ukraine zumindest noch eine gewisse Konsistenz im Rahmen ihres eigentümlich nationalistischen und anti-kapitalistischen Weltbildes erkennen, so musste man sich bei Alice Schwarzer schon fragen, wie ein so kritischer und freiheitsliebender Geist sich den Hintergründen und Fakten dieses barbarischen Krieges entziehen kann.
Mehr noch aber scheinen vielen Linken die Ansichten Schwarzers in Sachen Transgender und Islam aufgestoßen zu sein. Vor allem in Bezug auf Letzteren. Denn hier trifft die inzwischen 83jährige den Nerv der Stadt-Berliner Polit-Szene, wo sich gerade ein rot-rot-grünes Regierungsbündnis bilden möchte. Wo es eigentlich in allererster Linie um kommunale Angelegenheiten der größten deutschen Stadt und deren immense finanziellen und sozialen Probleme gehen sollte, spielt die große Politik eine dominierende, nahezu alles überlagernde Rolle, gebündelt in der Gretchen-Frage: Wie hältst du es mit der Hamas, dem Staate Israel und manchen muslimischen Subkulturen?
Laute Kritik an Teilen der migrantischen Szene stören da offensichtlich aus Sicht der „taz“ nur. Um das Denkmal Schwarzer völlig vom feministischen Sockel zu stoßen, dekretiert taz-Kommentatorin Schwarz final:
„Sie kämpfte vor allem für eine Frau. Sich selbst. Es gleicht einem Wunder, dass sie nicht auch das Magazin nach sich selbst benannt hat.“
„Alice“ statt „Emma“: Diesen Einfall teilt der Kommentator Michael Hanfeld in der konservativen „FAZ“ vom 22. Oktober 2026 zum selben Thema, samt einiger Aspekte der von der „taz“ vorgetragenen Kritik. Wobei insgesamt jedoch die Würdigung der Lebensleistung Alice Schwarzers bei dem Blatt aus Frankfurt im Vordergrund steht.
Einer, der sich über die „taz“ und ihr Nachtreten gegen Alice Schwarzer herzlich erregen kann, ist der Tübinger Oberbürgermeister und ehrenamtliche Berater der baden-württembergischen Landesregierung Boris Palmer. In seinem Facebook-Account notiert er mit Datum vom 22. Oktober 2026 über den „taz“-Beitrag:
„Man spürt förmlich, wie die illiberale Linke aufatmet, weil sie keine Kritik an ihren Dogmen von Frauen wie Alice Schwarzer mehr lesen muss. Wie man als Blatt, das sich seit jeher als progressiv eingestuft hat darüber freuen kann, dass eine Stimme verstummt, die Emanzipation in unserem Land erkämpft hat, bleibt mir ein Rätsel. Offenbar reicht es dafür schon aus, dass Alice Schwarzer Frauenrechte für Frauen reservieren will und Machos auch unter Migranten erkennt und kritisiert. Dieses Verständnis von Pluralismus, Meinungsfreiheit und Toleranz gleicht dem der Jakobiner. Dass die taz eine andere Auffassung vertritt, für dieses Recht würde ich immer kämpfen. Dass die taz sich freut, dass andere Auffassungen nicht mehr publiziert werden, ist ein Armutszeugnis für ein Blatt, das so großen wert darauf legt, eine vom Mainstream abweichende Position hoch zu halten. Wer nicht für die Freiheit anderer einzustehen bereit ist, riskiert auch seine eigene.“
Palmer, gestählt durch viele, seinen provokanten Zwischenrufen geschuldete Auseinandersetzungen mit Grünen im Speziellen und Linken im Allgemeinen, unterscheidet mithin zwischen einer illiberalen, „jakobinischen“ und einer liberalen Linken.
Ob diese Art der Blatt-Kritik bei den Leuten von der „taz“ ankommt? Denn Palmer, der sich selbst und trotz des erzwungenen Austritts bei den Grünen wohl unbeirrt zur liberalen Linken zählt, ist nach allem, was man aus verschiedenen linken Kreisen hört, eigentlich ein Rechter.
Was würde Ernst Jandl heute dazu sagen?
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Abbildung: Ernst Jandl bei einer Lesung im November 1974. Foto: Wolfgang H. Wögerer, Wien, Austria. Quelle: wikimedia.commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0