Das braune Haus
Von Christina Herbert-Fischer.
Wir leben heute in einer Zeit, in der sich rechtes Gedankengut wieder ausbreitet und viele Menschen erneut einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung der Naziverbrechen ziehen wollen. Die Erinnerungen schwinden, selbst die nach dem Krieg Geborenen werden immer weniger. Ich bin in einer Familie aufgewachsen in der es vieles gab: Nazis, Mitläufer, solche, die dagegen waren, wenn auch keine Helden, und die Nachteile auf sich genommen haben. Die einen redeten viel, die anderen schwiegen viel. Die meisten jungen Menschen heute wissen nicht, wie das mit ihrer eigenen Familie wirklich war. Es wird Zeit, dass die erzählen, die noch etwas zu erzählen haben.
Ich kannte das Schweigen, wie so viele meiner Generation. Wir waren damit aufgewachsen als Kriegsenkel. Über das braune Haus und seinen Besitzer erzählten sie. Er war zu unbeliebt, als dass man ihn oder seine Erinnerung hätte schonen müssen. Über ihn redeten sie. Sie ließen kein gutes Haar an ihm.
Seine Frau war eigen, sie entzog sich ihm. Einmal im Monat fuhr sie in die große Stadt. Manchmal nahm sie ihre Tochter mit, nicht zu oft. Man ging in die Schirn zum Bummeln und Essen. Man gönnte sich was. Sie kaufte Schmuck, keinen Modeschmuck, Gold, nicht zu teuer. Sie nahm es sich raus, sein Geiz kam nicht dagegen an. Es war sein Geiz, der ihn verhasst machte, seine Geschäftstüchtigkeit sah man ihm nach.
Sein Kolonialwarengeschäft führte so ziemlich alles. Es war das Einzige im Dorf in der Nähe der Großstadt. Eine Bahnstation, eine Kirche, eine Schule, ein paar Handwerker und Bauern, sonst gab es nicht viel. Der Gasthof lief gut, wie auch sein Hotel im Speckgürtel von Frankfurt. Nach dem Krieg hieß es Hildesheimer Hof. Hildesheim war die Geburtsstadt seiner Schwiegertochter, der Ungeliebten, der Dahergelaufenen ohne Geld. Die zweite Frau des Sohnes hatte es schwer. Sie durfte niemals mit in die Stadt. Wer ohne Mitgift kommt, verdient das nicht. Arbeiten durfte sie, die Kinder der verstorbenen ersten Frau großziehen und das eigene. Sie war ein warmherziger Mensch, jemand an den man sich gern erinnert. Aber das war später.
Der braune Hausherr achtete auf jeden Pfennig. Er versprach und zahlte nicht. Wenn er nicht musste, zahlte er nicht. Seine Tochter schuftete im Gasthof. Die Mitgift war versprochen, das Haus für die junge Familie gebaut. Allein sie blieben auf den Schulden sitzen, um die Existenz mussten sie kämpfen. Die Mitgift kam nie. Die Enkel ließ er betteln, wenn der Eiswagen kam. Er freute sich daran, er genoss es, Woche für Woche und Jahr für Jahr. Damit sie nicht aufgaben, bekamen sie fünf Pfennig, wenn der Wagen längst aus dem Dorf gefahren war. Dann hieß es rennen, in der flirrenden Hitze die Straße entlang. Außer Atem über den Bahnübergang am Ortsende, immer hoffend, dass er sich nicht zur Unzeit schließen würde.
Er war schon tot, als ich auf die Welt kam. Es gab Erinnerungen, keine guten. Die waren so schlecht, dass sie das Schweigen vergaßen. Und sie hatten standhaft geschwiegen, vor 1945 gab es die Welt sonst noch nicht. Das Leben und die Geschichte der Familie begann danach, vorher gab es nichts.
Den Persilschein hat er sich erkauft. Für 2000 Reichsmark beschwor der sozialdemokratische Schuster des Dorfes, der Name „Braunes Haus“ hätte nichts zu sagen. Der Schuster, ein Stotterer, war arm wie eine Kirchenmaus, er hatte es immer schon schwer im Dorf. Der Alte sei nie ein Nazi gewesen. Er wäre halt ein guter Wirt gewesen, der sein Geschäft verstand. Ein aufrechter Demokrat sei er immer gewesen, mein Urgroßvater. Das hatte gereicht, er war anerkannt rein.
Bei den örtlichen Parteiversammlungen ging es hoch her im Saal neben der Gaststube. Es wurde gebechert und gefressen. Der Gasthof war mehr als beliebt bei den aufrechten Genossen, auch bei privaten Feiern und den örtlichen Saufgelagen. Es war halt ein gutes Geschäft das „Braune Haus“. Die Erben konnte es freuen.