Schwächelt Russland?

Peter Conzelmann

Verschiedene Meldungen in den Nachrichten der letzten Tage scheinen darauf hinzudeuten, dass sich Russland bzw. das von Wladimir Putin geführte Moskauer Regime in einer Phase der Schwäche befinden. Zwar hat es anlässlich der Feierlichkeiten zum Sieg über Nazi-Deutschland am 8. Mai nicht an martialischen Ansprachen und patriotischen Adressen an die russische Armee gemangelt, und natürlich fehlte auch nicht die notorische Anklage, dass in Kyjiw Faschisten an der Macht seien, die man genauso besiegen werde wie einstens die Schergen Hitlers.

Aber warum sonst, so eine Reihe von Kommentatoren, wurden die Paraden in Moskau nicht, wie in der Vergangenheit üblich, mit Panzern und Raketen-Lafetten bestückt? Putin, so verschiedene seriöse Nachrichtenportale, habe Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen gehabt, die zuletzt viele Ziele in Russland erreichte hatten. Darum auch sei man dankbar gewesen für die von den USA „vermittelte“ dreitätige Waffenruhe, nebenbei auch, um Gefangene auszutauschen.

Der Deutschlandfunk, um nur eines dieser Portale herauszugreifen, vermeldet am 11. Mai die Einschätzung des deutschen Verteidigungsministers Boris Pistorius, wonach der russische Präsident zwar seine Truppen abziehen oder zu Verhandlungen ohne Vorbedingungen einladen könnte, jedoch stattdessen wie üblich Bedingungen stelle. Laut Pistorius, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Ukraine aufhielt, wolle Putin offenbar mit seinem Vorgehen von eigener Schwäche ablenken, da seine Armee derzeit kaum Geländegewinne vorweisen könne.

Putin, so der Deutschlandfunk weiter, habe am Wochenende mit Blick auf den Krieg in der Ukraine gesagt,

„er glaube, dass ​sich – so wörtlich – die ‚Angelegenheit‘ dem Ende zuneige. Als bevorzugten Vermittler für Gespräche mit der EU brachte er den ehemaligen Bundeskanzler Schröder ins Spiel.“

Schwächelt Russland also und sucht nun in Anbetracht der Lage nach einem Ausweg aus der misslichen Situation? Rücken Putin und seine Schergen von ihrer aggressiv-expansionistischen Politik ab?

Im Übrigen: Ausgerechnet Schröder! Sowohl die ukrainische als auch die EU-offizielle Seite haben sich eindeutig gegen den inzwischen mehr als korrumpierten und von Putin als „lupenreinen Demokraten“ schwafelnden ehemaligen deutschen Kanzler als Vermittler in Stellung gebracht.

Befindet sich Russland tatsächlich in einer Phase der Schwäche und sucht daher ernsthaft nach einem nahen Ende des Krieges? Das Portal „Kyjiwer Gespräche / Kyiv Dialogue“ liefert in seinem jüngsten, dem 16. Bulletin nüchterne Zahlen:

„Der Luftkrieg Russlands gegen die Ukraine verharrt auf hohem Niveau mit erneuten Rekordwerten. Die russische Armee griff im April zivile Ziele mit 6.722 Flugkörpern an – der höchste Wert seit Beginn der Vollinvasion im Februar 2022. 6.583 davon waren Langstreckendrohnen (2 % mehr als im Vormonat), 91 Marschflugkörper und 48 ballistische Raketen.

Die Angriffe folgen dabei weiterhin dem Muster von etwa vier hochintensiven Angriffswellen pro Monat, bei denen jeweils mehr als 500 Drohnen eingesetzt werden. Die Größe der Angriffswellen wird wegen steigender russischer Produktionszahlen weiter zunehmen.“

Die Ukraine halte zwar einen technologischen Vorsprung bezüglich der Drohnen (ein Grund, warum Boris Pistorius aktuell den direkten Kontakt nach Kyjiw sucht), doch dürfen dieser positive Trend sowie geringfügige Gebietsverluste der russischen Armee nicht darüber hinwegtäuschen,

„dass Russland seinen Zermürbungskrieg fortsetzen wird. Besonders bei der Entwicklung autonomer Angriffssysteme hat das russische Militär zuletzt Fortschritte gemacht, die den weiteren Kriegsverlauf für 2026 schwer vorhersehbar machen.“

Weiter analysiert das Portal:

„Russland rüstet für den nächsten Winter: Die Angriffsmuster Russlands deuten darauf hin, dass es Reserven an Marschflugkörpern und Raketen für intensive Winterangriffe bildet.“

Die Ukraine hingegen

„(…) wird versuchen die russische Raketen- und Drohnenproduktion zu unterbrechen, um die Engpässe an Flugabwehrraketen zu kompensieren.“

Russland mag also schwächeln, Putin selbst mag Angst, vielleicht auch für seine eigene Unversehrtheit haben, doch kann von einer Abkehr der imperialistischen Strategie, einer ernsthaften Bemühung um Frieden nicht gesprochen werden. Gerhard Schröder als Vermittler ist eine weitere der zahlreichen Nebelkerzen, die aus Moskau in Richtung Westen geworfen wurden.

Wer sich über den Krieg gegen die Ukraine ein genaues und unverfälschtes Bild machen möchte, findet im Portal „Kyjiwer Gespräche / Kyiv Dialogue“ eine faktengestützte Basis. Das Portal ist in Herbst 2022 entstanden und besteht im Kern besteht es aus akribischer Analyse-Arbeit und der Aufstellung einer umfangreichen Datenbank, die bis heute über 98.500 Luftangriffe Russlands auf zivile Ziele der Ukraine erfasst hat. Hieraus konnten per Analyse Einschätzungen zur weiteren militärischen Entwicklung und zu den russischen militärischen Kapazitäten gewonnen werden.

Mit der Publikationsreihe „Monitor Luftkrieg Ukraine“ wird von den „Kyjiwer Gesprächen“ in Zusammenarbeit mit dem OSINT- und Datenanalysten Marcus Welsch, in seinem früheren Leben ein renommierter, aus Singen stammender Dokumentarfilmer, und der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) herausgegeben.

Hinweis: OSINT steht für „Open Source Intelligence“ und bedeutet die Gewinnung und Analyse von Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen (Internet, Presse, Datenbanken).

Die Macher des Portals möchten mit datenbasierten Empfehlungen dazu beitragen, die westliche Unterstützung für den Schutz der Ukraine weiter zu stärken. Adressiert ist der Monitor an politische Entscheidungsträger*innen, Expert*innen und Fachjournalist*innen, aber auch Laien können sich dort auf dem Laufenden halten.


Deutschlandfunk 11.05.2026: Selenskyj für weitere Rüstungs-Projekte mit Deutschland – Entwicklung von Drohnen mit bis zu 1.500 Kilometern Reichweite geplant

Kyjiwer Gespräche 11.05.2026: Monitor Luftkrieg Ukraine Vol. XVI

Abbildung: KI

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