Die Niederburg – ein Gedicht

Herbert Lippenberger

Warum ein Gedicht über die Niederburg?

Das Wort «Zeitenwende» impliziert bereits Veränderung und Wandel. Die Niederburg ist der älteste Stadtteil von Konstanz. Das Viertel hat eine geschlossene Siedlungsgeschichte, die bis ins Neolithikum reicht. Im Mittelalter stand das kleine, stets feuchte und enge Stadtviertel direkt unter der Herrschaft des Bischofs und seiner Amtsleute. Das Stadtviertel zeigt aber auch den Wandel, die Veränderungen, die sich unter und in den scheinbar unverändert gebliebenen Mauern abspielten.

Bei genauer Betrachtung kann heute in keiner Weise von einer geschlossenen, mittelalterlichen Architektur gesprochen worden. Besonders Ende des 19. Jahrhunderts wurden viele Häuser abgebrochen oder modernisiert und dabei im Geiste der Zeit ins vermeintliche Mittelalter historisiert. Und diese Veränderungen gehen bis zur Gegenwart. Sie sind das dankbare «Futter» für alle «Gassenführungen». Vor einigen Jahren wurde dann die Niederburg zum Resonanzraum für den zur gastronomischen Umsatzsteigerung initiierten «Gassenfreitag». Dort tanzt nun der wilhelminische Historismus mit der Postmoderne auf der Gasse – eine scheinbare Idylle, die mit schweren Eisenbarrikaden gegen mögliche Attacken von außen geschützt werden muss.

Das Gedicht tritt deshalb mit der Niederburg ins Zwiegespräch, in einem Dialog über Veränderung, Wandel und Transformation. Denn gerade dort, wo das «Alte» vermeintlich wie eingefroren gefeiert wird, zeigt sich letztlich auch der harte, merkantile Puls der vorwärtsschreitenden Zeit.

Die Niederburg

Nah am Rhein,
Beschattet durch den Moränenhügel,
später kam das Münsterhaus darauf zu liegen.
Kelten, Römer, viele Völker setzten sich
ermattet nieder.

Dicht verbalkt,
fest bespannt,
stark beengt,
sakral regiert,
niedrer Horizont,
stinkender Abort.

Die Jahrhunderte durchliefen dich,
ohne Kontur,
keine Zäsur.
Dämmernd sahst Du die Zeit vergehen,
da hat nur leicht die Sau gegrunzt.
Mehr als einmal hat’s gebrannt,
verschwunden bist du nie so ganz,
irgendwie ging’s fort ohne allzu großen Glanz.
Der Rhein in seinem Bette,
er riss dich nie vom Flecke,
alles ging im Schneckengang,
nur wenig kam voran.
Man hat sich hier sehr gern getroffen.
billigen Wein in den Stuben gesoffen,

Die Fasnet ist Deine muntere Götterdämmerung,
Mülltonnen als scheppernde Quicky-Unterlagen,
und manches frohes Lied dabei erklingt.

Tobias, der mit den Engeln stets von Konschtanz singt,
im Nebel an der Egg erklingt,
im Fernsehn sprach er,
vom schönen Idyll der Heimat
faselt er dahin,
der Paradieser Bueb,
stammend aus Berlin.

Auch eine Geiß, eine schwarze,
lernte hier das Lesen.
Studentisch wurde bei Dir das Wohnen,
man lebte nicht allein in Deinen Gassen,
am Tische aß man biologisch-grün,
auch Spanisch wurde gern gespießen,
das Leben war sehr zu genießen.

Und weißt Du noch?
Wo damals der Bäcker Gandor seine Brezeln buk,
und Douglas ihn ins Zelluloid einpackte,
kreuz und quer die Bilder auf der Leinwand tanzten.

Täglich hast du heute Gassenführung,
die alte Zeit wird beschworen mit lauter Stimm und viel Geschrei,
die Zuhälterei mit dem Eros alter Mauern,
ringt um die Touris wie früher um die Bauern,
auch konnte damals der Mann in einigen Buden,
dort unten am nassen Graben bei den Rindern,
seine fleischliche Lust gegen bare Münze lindern.

Der Luxus Dich jetzt aber mächtig fasst,
der sumpf’ge Grund beginnt zu fliegen,
die Häuserpreise aufwärts steigen,
die Babyboomer, die fetten,
wollen zu dir, der Netten,
aufs Altenteil nach dem Leben draußen,
soll’s hier nochmals so richtig, aber leise, sausen,
dank Glasfaseranschluss und Handy-Kontakt,
blickt man ergraut, gut situiert, in sicherer Distanz,
hinaus in die Welt und voller Stolz hinab in die Gass.

Du bist entdeckt,
Du bist bedrängt,
es wird grässlich eng,
keiner kennt die Preise,
es gibt nur noch Herden von Bietern,
kein Erbarmen mit den Mietern,
alles Vorwärts stürmt.

Und dann der Gassenfreitag,
jeder tobt herum,
wem macht das nicht bang,
wer wird hier nicht dumm?

Und der große, braune Hund im Hofe rennt,
ihn treibt die Angst,
stumm bellend vor sich hin, er flennt!


Herbert Lippenberger

Abbildung: Konstanz, Niederburg, Inselgasse Ecke Rheingasse mit dem Buchladen «Zur schwarzen Geiß» im gleichnamigen Haus. Foto: Peter Conzelmann, circa 1980

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