«Alte Liebe» … DDR
Zurzeit läuft der bereits im September dieses Jahres auf der Leipziger Filmkunstmesse (FKM) präsentierte Film «Alte Liebe» in den filmkünstlerisch anspruchsvolleren Sälen der deutschen Kinos. Die offizielle Uraufführung fand erst vor kurzem am bestens gesponserten Zürich Filmfestival statt. Der Regisseur Andreas Dresen verfilmt in «Alte Liebe» die Literaturvorlage von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder aus dem Jahre 2009.
Das zwar seit 1995 geschiedene, aber immer noch künstlerisch und persönlich verbundene Paar Heidenreich-Schroeder erzählt die Geschichte des westdeutschen Paars Lore und Harry. Nach 40 Jahren Ehe scheint alles stillzustehen, nur die Einladung zur Hochzeitsfeier für die dritte Ehe der Tochter mit einem vermögenden Mann bringt das ergraute Paar nochmals in Wallung.
Im Roman und in der Verfilmung ist diese Narration mit Ausnahme des Schlusses identisch. Ein Paar kämpft sich in gut situierter Situation hinein ins merklich spürbare Alter. Im Film von Andreas Dresen gibt es jedoch einen Subtext, der auch die kulturelle «Zeitenwende» der deutschen Gesellschaft in der Gegenwart als Hintergrund hat. Kurz gesagt, soll hier gezeigt werden, dass der Osten endlich im Westen angekommen ist!
Dagmar Manzel spielt «die Lore» und Joachim Krol ist «Harry». Bei Heidenreich-Schroeder, die auch eine Generation älter sind als Andreas Dresen, begegnete sich das Paar im klassischen «68er-Kontext», während die im Film dargestellten Figuren sich kurz vor der Wende 1989 in der untergehenden DDR gefunden haben. Harry hatte sich zuerst in eine Frau verliebt, die dem Prenzlauer Berg Milieu der Wendezeit nahegestanden haben dürfte. «Wer fliegen will, muss springen», schreibt die von Harry bewunderte Ost-Rebellin in die Widmung ihres Buches, das Lore nach Jahrzehnten bei ihrem Ehemann auf dem Nachttisch findet.
Gesprungen ist Harry tatsächlich nicht, er wurde gut bezahlter Beamter in der Berliner Bauverwaltung, bewohnt ein mittelständisches Haus mit schönem Garten, das den Zuschauern zeigen soll, auch im ehemaligen Osten sind die Verhältnisse ins Lot gekommen. Man ist reich und bestens situiert geworden. Harry spielt sogar mit seinem Freund Golf wie der allseits bekannte US-Präsident. Der Wohnort des Paars soll Berlin-Hohenschönhausen sein, womit auch die Erinnerungs-Belastung durch das ehemalige Stasi-Gefängnis «Hohenschönhausen» gelöscht werden könnte.
Analog zur «Dachau-Konnotation», unter der die zu angenehmstem Wohlstand gekommenen Bewohner der Münchner Vorortgemeinde heute immer noch zu leiden scheinen, wird nun «Hohenschönhausen» wieder zurück ins private und unpolitische Lebensmilieu geholt. Denn das im Film dargestellte Haus von Lore und Harry kann unmöglich in diesem Stadtteil von Berlin stehen, und das Anwesen steht mit grösster Sicherheit in Dahlem oder Steglitz. Dies ist eine den filmischen Subtext offenbarende geo-lokale Aussage.
Die «Ost-Lore» ist Bibliothekarin und bevorzugt im Gegensatz zur «West-Lore» nicht Martin Walser, sondern Christoph Hein und junge, neoromantische Autoren. Doch wird diese bei Heidenreich-Schroeder wichtige Erzählspur nicht eingehender dargestellt. Wichtig ist das schöne Haus und der parkhafte Garten, die perfekte Inneneinrichtung und der möglichst optimale Kaffee-Genuss, den die beiden beim ehelichen Morgenritual nach stets getrennt verbrachter Nacht zelebrieren. Das Paar kann «ökonomie-transzendent» seine privaten, durch die Verwundungen des Lebens entstandenen Blessuren voreinander ausbreiten. Das ist tatsächlich der Stoff von unzähligen, zum Teil sehr gelungenen Spielfilmen, doch handeln diese nicht im ehemaligen Ostberlin, der ehemaligen Hauptstadt der DDR und sind nicht bewusst in die Nähe der damals für die Bevölkerung gesperrten Sicherheitszone des Stasigefängnisses Hohenschönhausen gelegt worden.
Deshalb ist es nicht uninteressant die Biografie von Andreas Dresen zu betrachten. Er wurde 1963 in die Schauspiel- und Künstlerelite der DDR geboren. Sein Vater war der 1935 geborene Adolf Dresen, ein bekannter Theaterregisseur, der unter anderem am Berliner Ensemble und vor allem in Leipzig gewirkt hat. Dresens Mutter war die Schauspielerin Barbara Bachmann, die am Schweriner Staatstheater arbeitete. Dresen kommt aus einer für die DDR wichtigen Bevölkerungsgruppe. Ein Staat, der seiner Bevölkerung im Vergleich zum Westen spürbaren Konsum- und Reichtums Verzicht verordnen musste, war gezwungen eine kontrollierte, aber gut institutionalisierte Kulturszene zu installieren. Dass viele hierin sozialisierte Menschen dann auch zu Trägern der anwachsenden Protestkultur in den 80er Jahren geworden sind, ist individuell sehr respektabel, macht aber die Jahrzehnte lang gut funktionierte Zusammenarbeit zwischen einer mit vielen Privilegien ausgestatten Künstlerelite und dem SED-Staat nicht ungeschehen!
Selbstverständlich geben diese biografischen Konturen noch keine verifizierbare Aussage über das Verhältnis von Andreas Dresen zur untergangenen DDR. Allerdings zeigt sich in der filmischen Narration und der hierfür inszenierten Umgebung eine klare Aussage: «Uns geht es gut, wir haben den Anschluss an den Westen gefunden». Der neue Schwiegersohn wird auch als ökonomischer Blender dargestellt, der prompt in einem Insolvenzverfahren steht. Harry fragte auch nervös, ob der Mann eventuell «Wessi» sei – so wie bei Heidenreich-Schroeder der West-Harry danach gefragt hat, ob der neue Schwiegersohn «Ossi» sei.
Doch gravierender ist das Negieren der realen Verwundungen durch eine untergegangene Diktatur, die direkt an die NS-Diktatur angeschlossen hat. Hohenschönhausen ist hierfür ein wichtiger Erinnerungsort – und es verwundert doch, dass das in den Berliner Osten verlegte, gut bürgerliche Nachwendeglück just an diesem Ort stattgefunden haben soll.
An der FKM in Leipzig wurde auch der Film «Biermann» gezeigt. Wolf Biermann kam hierfür, knapp 90jährig, persönlich und höchst vital nach Leipzig an die Abschlussfeier, wo der Film über sein Leben den Preis für den besten Dokumentarfilm erhielt. Auch Biermanns Leben zeigt sich in diesem Dokumentarfilm von Jens Meurer gut situiert – doch hat er sich dabei niemals mit der DDR versöhnt, was ihm nicht immer nur Sympathien bringt. Und wie er denn auch zu sagen pflegt, ist der aufrechte Gang durch die Sprünge der deutschen Geschichte eine schwierige Angelegenheit. Bei «Alte Liebe» spielt der aufrechte Gang eigentlich keine Rolle mehr – es geht um die entpolitisierte Innerlichkeit von Menschen, deren Leben keineswegs unpolitisch sein konnte – denn wer in Hohenschönhausen lebte, wohnte paradoxerweise in einem Gefängnis neben einem Gefängnis. Dass diese Gefängnisse eigentlich eine bessere Gesellschaft hätten begründen sollen, ist ein gewiss die Dimensionen des Filmes sprengender Hintergrund.
Nichtsdestotrotz ist der Film atmosphärisch gelungen – was vor allem der herausragenden schauspielerischen Leistung von Dagmar Manzel und Joachim Krol zu verdanken ist!