Frankreich auf der Straße
Ein Gastkommentar von Berthold Mader
Man könnte meinen, die Franzosen lieben das: den Hauch von Revolution!
Alle paar Jahre ist das Volk, oder zumindest ein Teil davon, auf den Gassen und Boulevards von Paris und anderswo. Bei Wind und Wetter! Sogar bei Nebel. Falls dieser ausbleiben sollte, sorgt die Polizei dafür, dass er erscheint, auch wenn dann die Tränen fließen.
Denn was wäre eine richtige französische Demonstration ohne Rauchschwaden, ohne brennende Plastikmülleimer, ohne Schlagstöcke? Da geht dann auch mal ein kleines Touristenbüro in Flammen auf, brennt der Dachstuhl eines Rathauses in einer Provinzstadt oder splittern Schaufenster, deren Auslagen unbezahlt in fremde Taschen wandern. Das gibt beeindruckende Bilder, die von Tausenden von Handys in Sekundenschnelle per Tiktok und Instagram um die Welt geschickt, von TV-Stationen aufgegriffen, geschickt in Szene gesetzt und ausgestrahlt werden.
Die Mächtigen dieser Erde reagieren prompt mit tiefsinnigen Kommentaren: Laut Donald Trump ist Frankreich im Begriff, von Migranten erobert und niedergebrannt zu werden. Putin sieht in den Ereignissen einen weiteren Beweis fortschreitender Dekadenz des Westens und für den Bundeskanzler sind sie der Ausdruck einer missglückten Migrations- und Integrationspolitik. Die drei müssen es schließlich wissen, sind sie doch allesamt intime Frankreichkenner! Warum ihnen dann aber der französische Staatschef Macron ganz unverblümt Dummheit vorwirft, und sogar noch behauptet, sie würden die Geschehnisse lediglich für ihre eigenen politischen Interessen ausschlachten, ist unverfroren. Vielleicht zu erklären dadurch, dass sich seine Regierungszeit dem Ende nähert und ihm allmählich die Blätter ausgehen, die er sich üblicherweise vor den Mund legt. Vielleicht!
Wie dem auch sei, im französischen Parlament jedenfalls haben die rechten, die ganz rechten und die ganz ganz rechten Fraktionen einen Sündenbock gefunden und der heißt Melanchon. Das ist der Drahtzieher, der Antreiber, der Aufhetzer! Er verurteilt nämlich nicht wie alle anderen lauthals die vermummten Randalierer. Dennoch verurteilt auch er die gewalttätigen Ausschreitungen, insbesondere die, die den jungen demonstrierenden Schülern Arme abreißt und ihre Augen blendet. Nur heißt diese Gewalt Staatsgewalt, und die ist selbstverständlich legitim, legitimiert vom Innenminister höchstpersönlich. Und wer den Innenminister angreift, greift die Regierung an; Und wer die Regierung angreift, steht außerhalb der Legalität ; also ein Staatsfeind.
Der Sachschaden soll hoch sein. Wer bezahlt ihn? Die rechten Abgeordneten fordern, man solle der Partei Melanchons die Rechnung stellen, denn dieser habe ja schließlich die Randalierer angestiftet. Nur eigenartig, dass von den festgenommenen Plünderern, die man in Schnellprozessen verurteilt hat, kein einziger weder Parteimitglied noch Sympathisant der Linken ist. Aber das spielt ja keine Rolle! Wichtig ist nur, dass man einen Schuldigen gefunden hat. Der ist zudem Kandidat für die Präsidentschaftswahl und hat laut Umfragen sogar Chancen, gewählt zu werden. Das muss natürlich verhindert werden. Selbst auf die Gefahr hin, dass eine bretonische Demagogin das Ruder übernimmt und Frankreich in braune Gewässer manövriert. Doch lieber schwarz als rot, haben wir das nicht schon irgendwann mal gehört?
Es bleibt aber noch eine Kleinigkeit zu klären: wer hat eigentlich wofür oder wogegen demonstriert? Waren da nicht Hunderttausende Schüler, Studenten, Arbeiter und Rentner auf den Straßen? Ging es da nicht um mangelnde Zukunftsperspektiven, um die Verbesserung des Ausbildungssystems, um den desolaten Zustands von Schulgebäuden, um die Verminderung der Kaufkraft, die Klimakatastrophe?
Kann sein, aber warum denn darüber reden? Scherben, gestohlene Parfümflaschen und verkohlte Balken sind doch viel mediengerechter, beeindruckender!
Ein Glück, dass es Randalierer gibt! Falls es die nicht gäbe, müsste man sie glatt erfinden.
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Berthold Mader ist gebürtiger Karlsruher und hat in Konstanz und Paris Germanistik, Romanistik und vergleichende Literaturwissenschaften studiert. In seiner Konstanzer Studienzeit wohnte er in der Niederburg und in Kreuzlingen. Längerer Aufenthalt in Irland (2 ½ Jahre). Danach Dozent für Germanistik und Literatur an der Universität von St. Etienne und Lyon, sowie an einer Lyoner Ingenieurhochschule. Seit August 2025 im Ruhestand. Lebt heute abwechselnd in Lyon und Azolette.
Abbildung: Abgebrannter Pavillon des Tourismusbüros am Place Bellecourt in Lyon, Foto : Berthold Mader