Alvaro – ein Nachruf

Thomas Bohnet

„I Thank God For Being 80 years old” (Alvaro R80, “Today”)

Mit dem am 8. Januar, drei Wochen nach seinem achtzigsten Geburtstag verstorbenen Musiker Alvaro Peña-Rojas, verliert die Musikwelt einen seiner schillerndsten Paradisvögel. Wobei dieses Wort keinesfalls despektierlich gemeint ist, im Gegenteil.

Der „Chilene mit der singenden Nase“, wie sich der 1943 in Valparaiso geborene, seit Ende der 70er Jahre in Konstanz lebende Musiker nannte, war einer der wichtigen Impulsgeber der unabhängigen Szene: Eigenwillig und mit viel, durchaus eigenem, Humor gesegnet. Ein absoluter Grundsympath.

Mich selbst traf die Nachricht wie ein Schock. Okay, Alvaro war 82 Jahre alt, insofern muss man in dem Alter immer mal mit dem Tod rechnen. Aber wer den asketisch lebenden Mann in all seiner Vitaltiät kannte, hat gedacht, er würde locker 100 Jahre alt werden. Mein Kollege Harald „Hucky“ Fette, mit dem ich in den 80er und 90er in Konstanz Konzerte veranstaltet habe und der Alvaro noch besser als ich kannte, hat im Konstanzer Magazin SeeMoz ganz treffend geschrieben:

„Der Minimalismus in der Musik spiegelte sich auch in seinem Lebensstil wider. Oder umgekehrt, je nach Blickwinkel. Alvaro war Nichtraucher, trank keinen Alkohol, war Vegetarier. In seiner Wohnung stand kein Computer, hat er nie besessen. Er machte Yoga, Kopfstand inklusive, und lange Spaziergänge. Dass er angesichts seines Lebenswandels „nur“ 82 Jahre alt wurde, ist eine Ungerechtigkeit der Natur.“

Alvaros „Langweiliger Montag“

Ich selbst lernte Alvaro Anfang der 80er Jahre in Konstanz kennen. 1980 zum Studium nach Konstanz gezogen, erfuhr ich schnell von diesem eigenwilligen, schrägen Musiker. Ich glaube, es war im Februar 1982 an einem Montag, als ich Alvaro erstmals live gesehen habe. Damals organisiert Alvaro einen regelmäßigen Abend mit dem schönen Titel „Alvaros Langweiliger Montag“ im „Fischkult“, jenem kleinen Veranstaltungssaal im besetzten Haus am Fischmarkt, dem ehemaligen Fernmeldeamt. Alvaro spielt an diesen Montagabenden in Triobesetzung und lädt sich dazu jeweils illustre Gäste ein. Für ein paar Mark Eintritt gibt`s dort jeden Montag eine Mischung aus Konzert und Lese-Performance. Zusammen mit zwei Musikern bestreitet Alvaro das Musikprogramm. Zwischendurch lesen Hobby-Schreiber aus ihren Werken. Ob nun der stadtbekannte Alternativ-Schuster in seiner Arbeitskleidung vor dem Schusterwerkzeug sitzt und flammende Appelle gegen das Wettrüsten hält oder andere verhinderte Dichter skurrile Innerlichkeitspoeme vortragen.

Seither sah ich Alvaro live sehr oft und führte auch in den 90ern zwei längere Interviews mit ihm, einmal für meine kleine Reihe „Rock in Konstanz“ im Südkurier und dann für einen längeren Artikel im Konstanzer Fanzine „Leeson“ unter dem Titel „Be Bop, chilenischer Punk und quietschende Schuhe“ (Leeson Nr. 9, Dezember 1998), aus dem im Folgenden einiges zu lesen ist.

Geboren 1943 in Valparaiso wächst Alvaro Peña-Rojas wohlbehütet in einem gutbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ist Zahnarzt, die Mutter führt ein strenges Regiment. Vor allem sie ist dagegen, daß der Filius Musiker wird. „Für meine Mutter waren alle Musiker Bohemians, Musik hatte immer mit Drogen und Alkohol zu tun“, erzählte Alvaro amüsiert. Er solle lieber etwas Anständiges lernen, am besten beim Militär, bei der Marine, Karriere machen. Stattdessen schlägt sich Alvaro nach dem Gymnasium in der Werbebranche durch, wird Vertreter und dann Werbetexter. „Ich war schon immer ein funny man“, sagt Alvaro in seinem gebrochenen Deutsch. In den sechziger Jahren schreibt er Jingles und Werbesprüche, arbeitet mit den größten Agenturen für Südamerika zusammen. Parallel dazu entdeckt Alvaro aber auch die Musik. Den Rock `n` Roll mit Bill Haley und später Jazz, John Coltrane. „BeBop war damals auch in Chile etwas für verrückte Leute“, sagt er. 1959 hat Alvaro seinen ersten Auftritt mit der Band „The Dandys“, Rock `n` Roll im Bill-Haley-Stil. Die Gruppen „The Challengers“ und „The Boomerangs“, mit denen Alvaro als Saxofonist drei Singles aufnimmt, folgen.

Im besetzten Haus mit Joe Strummer

1970 reist Alvaro aus Abenteuerlust nach London, wo er später für die Regierung des Sozialisten Salvador Allende arbeitet: Alvaro geht zur chilenischen Botschaft und weil er gut Englisch kann, stellen sie ihn dort gleich an: „Ehrenamtlich“, wie er sagt, als Freiwilliger.1973, nach dem Putsch der Militärs, dem Tod Allendes und der Pinochet-Diktatur, wird Alvaro zum politischen Flüchtling. Auch als sein Vater stirbt und Alvaro einen Sohn bekommt, kann er nicht nach Chile zurück. Er bleibt in London. In der englischen Metropole schlägt er sich mit Jobs durch, arbeitet in der Werbung, hat Putzjobs oder fährt als „ice cream man“ durch die Straßen. Es folgt der Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben. Über einen Bekannten kommt Alvaro mit der Londoner Squatt-Szene, der Hausbesetzerszene, in Kontakt.

„In einem Haus in der Walterton Road 101 waren Leute, mit denen ich dann zusammen Musik gemacht habe“, erinnert er sich. „Wir spielten einfach drauflos und sind dann auch einige Male aufgetreten“, sagt er. Zum Beispiel im Vorprogram der Van der Graf Generator. „Ein besonders schlechter Auftritt“, fügt er lachend hinzu, „die Kritik sagte über uns, diese Band kann nur nach oben kommen, denn weiter nach unten geht nicht.“ Bei den „101ers“, so der Name der Gruppe, spielt auch ein Typ namens Woody Mellor Gitarre. „Der klimperte jeden Tag auf seiner Gitarre in der Küche herum“, erinnert sich Alvaro. „Nachdem wir die 101ers aufgelöst haben, hat er später den Künstlernamen Joe Strummer angenommen und mit seiner eigenen Band, den Clash, Musik gemacht.“ Der Rest ist Punkgeschichte.

Alvaro selbst nimmt Ende 1977 für 700 Pfund „Drinking my own sperm“ auf, ein Album für das er, nicht zuletzt auch des Titels wegen, keine Plattenfirma findet. Auch in Deutschland nicht. Selbst ein linker Alternativvertrieb wie „Pläne“ weigert sich die Platte herauszubringen. Also erscheint das Album auf Alvaros eigenem Label, „Squeaky Shoes Records“. Die „squeaky shoes“, quietschenden Schuhe, haben seinem Onkel gehört, erzählt er, einem Original, dessen Schuhe immer gequietscht hätten und der damals sagte, das käme daher, dass sie noch nicht ganz bezahlt seien.

„Hilde Schneider hat mein Leben gerettet“

Ende der Siebziger wird Alvaro von einem Bekannten in die deutsche Kleinstadt Konstanz eingeladen. Dort trifft der Chilene Hilde Schneider, seine spätere dritte Frau. Die Frau, „die mein Leben gerettet hat“, sagt er. Nach längerem Hin und Her zieht er in eine WG nach Konstanz. Auch dort engagiert sich Alvaro in der lokalen Musikszene. Legendär ist seine oben erwähnte Veranstaltungsreihe „Langweiliger Montag“ in einem besetzten Haus, dem ehemaligen Fernmeldeamt in der Stadtmitte von Konstanz.

Obwohl in der Szene aktiv, bleibt Alvaro in der badischen Kleinstadt der immer etwas seltsame Sonderling. Bis auf einige getreue Fans wird er anfangs nicht ernst genommen und auch die lokale Jazz- und Funkszene nimmt Alvaro nicht so richtig wahr. Dabei entstehen durch die achtziger Jahre hindurch einige recht interessante LPs, Singles und Cassetten. Ob nun die Alben „Repetition Kills“, „Mums milk not powder“ oder das dritte Album „The Working Class“, das der bekannte Musikkritiker Diedrich Diederichsen in der inzwischen verblichenen Zeitschrift „Sounds“ 1981 regelrecht abfeiert.

Die Cassette „Four Sad Songs“ oder die Cassingle, also die Cassetten-Single, „Strong as a bull“, Alvaros nicht unwitziges vegetarisches Manifest: „If you want to be strong as a bull, don`t eat the bull.“ – Mit seiner Ablehnung von Fleisch, Alkohol, Nikotin und allen anderen Drogen ist Alvaro auch ein, wenngleich weniger verbissener, Vertreter der sogenannten „Straight-edge-Bewegung“ unter Punk- und Hardcore-Musikern. „Die Realität ist mir Droge genug“, sagt Alvaro, „Drogen sind keine Voraussetzung für Kreativität“ und „Man kann auch mit Orangensaft kreativ sein“.

Perfektion ist langweilig

In Konstanz nimmt Alvaro 1988 auch die deutsche Staatsbürgerschaft an. „Das war einfacher“, sagt er, „bis dahin war ich ja staatenlos, was in England kein Problem war, in Deutschland schon.“ Jedes Mal, wenn er ins Ausland zu Konzerten gereist ist – und Konstanz liegt an der Schweizer Grenze – , gab`s jedenfalls Probleme.

Später kandidiert Alvaro auch einmal auf der Liste der Konstanzer Grünen für den Kreistag. Ins Regionalparlament schafft er es zwar nicht, doch erzielt er, auf dem hinteren Listenplatz stehend, ein achtbares Ergebnis.

In späten 80er, 90er Jahren werden die Tonträger, die Veröffentlichungen rarer. Nach wie vor erscheinen Cassetten und Platten auf seinem eigenen Label. 1990 erscheint mit „The Squeak“ eine witzige kleine Single, mit der Alvaro vergeblich versucht, einen neuen Tanz, den Squeak, zu etablieren. 1993 zum fünfzigsten Geburtstag dann „I`m not so young anymore“ und ein Jahr später die Split-Single „Men don`t cry they sing“ mit dem japanischen Musiker Toshi. Die Rückseite der Single, „Perfection is boring“, gibt so etwas wie das Credo des Chilenen wider: Perfektion ist langweilig, ein fast anachronistischer Spruch, der geradewegs aus den frühen Achtzigern stammen könnte. Damals als in Berlin die „genialen Dilletanten“ (sic!) umgehen, Musiker*innen wie Gudrun Gut, Blixa Bargeld und ein alter Bekannter von Alvaro, der aus Konstanz stammende Wahl-Berliner Frieder Butzmann (der auch im Film über Alvaro auftaucht) die Musikszene durcheinanderwirbeln.

Südamerikanische Schnulzen

In den Neunziger Jahren hat der Sänger und Pianist, der immer mit weißen Handschuhen auftritt („da sieht man nicht, wie ich mich verspiele“), ein neues Programm zusammengestellt. Unter dem kokett despektierlichen Titel „Südamerikanische Schnulzen“ hat er wie ein Musikarchäologe alte „boleros“, lateinamerikanische Schlager aus den Jahren 1920 bis 1950, ausgegraben und neu bearbeitet. Schlager, die er mit seiner gewohnt krächzenden, immer ein wenig daneben liegenden Stimme singt. Ein wunderschönes Programm, denn kaum einer interpretiert so herrlich schräg und doch voller Herzblut den alten Klassiker „Besame mucho“, kaum einer bringt Armando González Malbráns Drama „Vanidad“ so überzeugend und trotzdem augenzwinkernd auf die Bühne.

Seit drei Jahrzehnten arbeitet Alvaro immer wieder mit seinem jüngeren Kollegen und Musikerfreund, dem Bassisten und Produzenten Jens Peter Volk zusammen. Wenn ihn, den musikalischen Außenseiter, mutige Konzertveranstalter buchen, tritt er auch live auf.

Denn all die Jahre hindurch hat er außerhalb der Kleinstadt Konstanz durchaus Fans zwischen Berlin. München und Zürich. So spielte er schon 1984 im legendären Berliner Club Loft im Vorprogramm der bekannten britisch-deutschen Avantgarderock-Band Cassiber. Auch in München habe ich ihn einmal 2009 erlebt, als ihn bayrische Fans zum Konzert einluden. Anlass war der Dokumentarfilm „Full Dedication Alvaro“, den ein bayrisches Filmteam um Christian Zschammer, Jochen Hägle und den inzwischen verstorbenen Hans Kotter gedreht hat. Zwischenzeitlich lebt Alvaro auch mal in Chile und nimmt dort u.a. mit jungen chilenischen Rockmusikern Musik auf.

In den letzten Jahren haben Jens-Peter Volk und Alvaro an einem über drei Platten gehenden Projekt gearbeitet. Drei Alben unter dem Namen „Alvaro R80“, mit teils neuen, aber auch vielen alten Songs, die neu instrumentiert und arrangiert wurden. Werk Nummer eins mit dem Titel „Today“ ist im Frühjahr 2025 erschienen, Nummer zwei mit dem Titel „The Blood Is Dry“ wird nun 2026, posthum, folgen.

Die Platten wurden übrigens vom Kulturamt der Stadt Konstanz gefördert; die späte Anerkennung eines lange verkannten und ignorierten Musikers.

Und „Today“ ist wirklich famos geworden. Wiedergehört wurde aus dem älteren Titel mit dem hübschen Titel „Watching The Fridge Defrost“ ein funky Pop. Der Song „Chastiy Belt“ bringt dagegen wie auch andere Stücke Breakbeats mit dem Slap-Bass von Volk zusammen. Mit dem Titelsong, einer sanft mit Bass und Percussion vorgetragenen Meditation sowie „Don’t Blow Out The Candle“ reflektiert Alvaro sein Alter. Etwas aufgerüstet wurden auch die feinen, alten Song „Repetition Kills“ und „Green Velvet Suit“. Alvaros gerne etwas schräger Humor kommt in einigen Songs zum Ausdruck, wobei er bei „The Shield Of Love“ auch ernst werden kann, geht es doch dort um den Familienfluch „Depression“. Das Album gibt es übrigens als Download, CD und Vinyl.

Es war zu hören, dass es bald einen 3D-Dokumentarfilm „Álvaro inside out“ von Christina Zschammer geben wird. Die Premiere findet am 20. Februar 2026, dem Tag von Alvaros Bestattung, im Cinestar Konstanz statt.

Für seine Freund*innen wird der sympathische Alvaro weiterleben. Die Musikwelt verliert einen humorvollen, experimentierfreudigen Musiker, einen der letzten echten Paradiesvögel.

Harald Fette über Alvaro im SeeMoz: https://www.seemoz.de/alvaro-pena-rojas-ist-tot/

Weitere Infos zu ALVARO unter: http://www.don-alvaro.net/

http://schnittmeister.info/index.html


Anmerkung der Redaktion

Alvaro Peña-Rojas war den meisten Autor*innen unseres Blogs „Zeitenwende“ über viele Jahre hin bekannt und ein Begriff. In allererster Linie natürlich unserer Autorin Hilde Schneider; wegen ihr zog Alvaro vom großen London ins kleine Konstanz, und sie blieben über all die Jahre in enger Verbindung. Ich selbst bin den beiden vor wenigen Monaten frühmorgens begegnet, und wir haben einen freundlichen Plausch gehabt, über das Baden im See, sein neues Plattenprojekt und über Places to go in seiner Heimatstadt Valparaiso. Alvaro, mit seinen über 80 Jahren ein rüstiger, gut aufgelegter, positiv gestimmter und zugewandt-neugieriger Herr, den die politischen Stürme der frühen 1970er Jahre, bei denen – wie heute – die USA die Finger im Spiel hatten, von seinem südamerikanischen Kontinent ins alte Europa geweht haben: Sein plötzlicher Tod traf uns sehr, auch den gerade über die Independent-Szene hervorragend informierten und agilen Musikexperten Thomas Bohnet, den ich mit der traurigen Nachricht telefonisch in München erreichte. Ich bat ihn, für unseren Blog einen Nachruf zu schreiben.

Peter Conzelmann

Abbildung: Alvaro und Thomas Bohnet in Konstanz April 2024 (Foto: Thomas Bohnet)

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