Eine Mail aus Israel
Alle reden von Donald Trump. Reißt sich der US-amerikanische Potentat demnächst Grönland unter den Nagel? Setzt er dazu militärische Gewalt ein, oder macht er es auf die inzwischen bewährte mafiöse Art der Erpressung via Zöllen gegen alle, die sich ihm bei diesem Landraub in den Weg stellen? Sind wir Europäer ihm bei all dem „scheißegal“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ titelt? Zerbricht demnächst die NATO und ist ihm das ebenfalls scheißegal? Die Ukraine, die zurzeit in Grund und Boden gebombt wird, ist es ihm sowieso. Wie ist inzwischen die Lage in den US-amerikanischen Großstädten, wo die Häschertruppe ICE in brutaler Weise Jagd auf Menschen macht und vor Schusswaffengebrauch gegen Wehrlose nicht zurückschreckt? Was bedeutet es, wenn mit der unter fadenscheinigen Begründungen eingeleiteten juristischen Verfolgung des Chefs der Fed eine bisher von den Weisungen der Regierung unabhängige Institution auf Linie gezwungen werden soll? Und was soll die neueste Nummer mit dem gegen die UNO gerichteten, von Trump persönlich und auf Lebenszeit geleiteten „Friedensrat“, in welchem sich Staaten für eine Milliarde Dollar Zutritt erkaufen dürfen? Wer seine Einladung jedoch – wie Frankreich – ablehnt, dem werden Strafzölle angedroht.
Das Gute: Ein Jahr Trump haben wir hinter uns. Das Schlimme: Drei weitere Jahre folgen noch.
Vergessen wir aber, auch wenn es schwerfällt, für einen Moment den größenwahnsinnigen Egomanen im Weißen Haus und blicken nach Israel. Von dort erhielt unser Autor Ernst Köhler die Mail eines Freundes und ehemaligen Studenten, die wir – mit dem Einverständnis des Absenders Vitali Markov – unseren Leserinnen und Lesern vorlegen wollen.
Vitali Markov wurde 1984 in Russland, dort zur jüdischen Volksgruppe zählend, geboren, übersiedelte später mit der Familie nach Deutschland. 2002 kam er, nachdem er in Göttingen das Abitur gemacht hatte, an die Universität Konstanz und nahm dort das Studium im Hauptfach Geschichte sowie der Medien- und der Wirtschaftswissenschaften als Nebenfächern auf.
Für den von Ernst Köhler und Andreas Blauert geleiteten Kurs „Die vielen Gesichter Amerikas: US-Außenpolitik in historischer Perspektive“ verfasste er ein Referat über den Kosovo-Krieg. In einem anderen von Ernst Köhler geleiteten Kurs über „Die Deutschen als Opfer? Bombenkrieg und Vertreibung – die neue Kontroverse“ beschäftigte sich Vitali Markov mit der Bombardierung Dresdens. Er nahm dabei den Ansatz, der für diesen Kurs gewählt wurde, sehr kritisch auf. Ernst Köhler erinnert sich an seine Bemerkung: „Sie wollen sicher gute Kurse machen. Aber wenn die Leute in Moskau wüssten, was heute an deutschen Universitäten so gelehrt wird, wären sie auf der Straße. Die Deutschen waren die Henker, keine Opfer!“
Aufgrund seiner Leistungen wurde Vitali Markov in die „Studienstiftung des deutschen Volkes“ aufgenommen. Seine Magisterarbeit aus dem Jahr 2009 beschäftigte sich mit dem Thema „Jüdische Perspektive und jüdische Selbstzeugnisse im Licht der Deportationen der Juden aus Wien während der NS-Zeit“.
Aus Sicht Ernst Köhlers gehörte Vitali Markov in der gemeinsamen Zeit an der Universität zu den fähigsten und eigenständigsten jungen Intellektuellen, die ihm in seiner rund 40jährigen Tätigkeit als Hochschullehrer begegnet sind. Die Möglichkeit, in Konstanz zu promovieren, lehnte Markov indessen ab.
Vitali Markov übersiedelte schließlich nach Israel und arbeitet heute als Physiotherapeut. Er ist Staatbürger Israels geworden und hat sich dort der Bewegung „Breaking the Silence“ angeschlossen. Der kommunikative Draht nach Konstanz ist nach wie vor erhalten.
Hier nun Vitali Markovs jüngste Mail an seinen ehemaligen Hochschullehrer, die aus unserer Sicht einen interessanten und kritisch-differenzierten Einblick in die aktuelle innenpolitische Lage Israels sowie der Befindlichkeit der israelischen Bevölkerung gestattet. Redaktionell korrigiert bzw. geändert wurden nur kleinere Rechtschreibfehler sowie zwei nebensächliche mail-technische Hinweise gestrichen.
Lieber Herr Köhler,
(…)
Es freut mich sehr, dass es Ihnen gut geht. Es ist tatsächlich viel passiert und noch viel wird passieren in diesen turbulenten Zeiten. Die meisten Israelis verfluchen ihre Regierung, fühlen sich allerdings von „Linken und Muslimen“ angegriffen. Reisen nach Westeuropa ist derzeit sehr unangenehm. Israelis werden nicht nach der Einstellung zur Politik ihrer Regierung, sondern nach dem Pass beurteilt und die linke Jugend Europas wartet auf ihre Gelegenheit einem Israeli „so richtig mal was zu sagen“. Osteuropa gilt weiterhin als sicher und wird weiterhin besucht. In Israel selbst ist es ruhig, aber angespannt. Nichts ist klar – die Regulierung des Konflikts ist in Trumps Händen und keiner weiß, was diesem im nächsten Moment einfällt.
Ich, der den Linken in Israel lange gehörte, fühle mich im Stich gelassen, sowohl von Linken Europas und Amerikas für ihre allzu eindeutige pro-palästinensische Einstellung als auch von israelischen Linken, die sofort nach Oktober 7 verlangten, Forderungen von Hamas zu erfüllen – und zeigten damit ihre Unbereitschaft sich neunen Realitäten nach Oktober zu stellen. Für mich, wie auch für viele Israelis, ist die Fortsetzung des Gleichen nicht mehr möglich. Hamas darf auf gar keinen Fall in Gaza and der Westbank an der Macht in irgendeiner Form bleiben, und wenn Trump es nicht garantieren kann, dann muss es weitergekämpft werden. Netanyahu soll abdanken und Palästina muss geschaffen werden, die dort lebenden Araber haben es verdient, sie haben genug von allen gelitten – Israel, Hamas, Islamic Jihad, PLO, UNRWA, Arabischen und Amerikanischen Interessen. Natürlich unter der Bedingung, dass das neue Land keine Gefahr für Israel darstellt – keine neue Hamas, eventuell unter zeitlich begrenzter internationaler Kontrolle, damit kein neuer Hamas entsteht. Ein Wohlstand wird dazu beitragen, dass Menschen in Palästina an ihre Zukunft glauben.
So, Herr Köhler, das war eine kurze Beschreibung der Stimmung rund um mich. Es bleibt äußerst politisch.
(…)
Ich wünsche Ihnen alles Gute! Es hat mich gefreut, eine Antwort von Ihnen zu erhalten und dass wir weiter im Kontakt bleiben.
Bester Gruß
Vitali Markov
Abbildung: Logo von „Breaking the Silence”, http://www.breakingthesilence.org.il/